Merci – Kleine Fehler: Wer liest denn schon Gedichte?

Das Kleinstadtleben kann schon ganz schön nerven; vor allem, wenn man ein Teenager ist. In der charmanten französischen Graphic Novel „Merci“ verdonnern Autor Zidrou und Zeichner Monin eine Sechzehnjährige zur Sozialarbeit, die auch noch Spaß macht. Spaß macht auch die Ende März bei Panini Comics erschienene Geschichte. Ein weiterer Beleg dafür, dass der Verlag mit seinen Album-Veröffentlichungen aus dem europäischen Raum, die noch nicht so lange im Programm sind, ein ziemlich gutes Händchen hat.

Merci (deutsch: Danke) Zylberajch heißt so, weil ihre Mutter sie erst relativ spät im Leben geboren hat. Dankbar ist die renitente Teenagerin  in ihrer derzeitigen Goth-Phase der Welt allerdings nicht unbedingt. Statt in einer hippen Metropole zu wohnen, wo das Leben tobt, hängt sie mit ihren Freundinnen in der französischen Kleistadt Bredenne fest. Das Zehntausend-Seelen-Nest hat eigentlich nichts zu bieten außer einem Dichter, der aber auch nie über regionale Bekanntheit hinausgekommen ist.

Aus lauter Langeweile – und weil Monsieur Parmentier wirklich ein Idiot ist – haben die Freundinnen dessen Hauswand beschmiert und seinen Müll ausgekippt. Nur Merci ist erwischt worden. Nun überlegt sich der unkonventionelle Jugendrichter Pirlot eine angemessene Strafe für die junge, selbstgerechte Dame. Die ist immer schnell dabei, alle Schuld von sich zu weisen, und beschwert sich über das mangelnde Angebot für Jugendliche in der kleinen Stadt. Also darf Merci in ihren Sommerferien als Sozialarbeit ein Praktikum im Gemeinderat machen – und soll sich ein Freizeitangebot für Jugendliche überlegen.

Ganz schön happig, was der weltverbessernde Judgendrichter Merci da aufbrummt, aber die junge Frau ist aufgeweckt und reißt ihr loses Mundwerk auch im Gemeinderat auf. Das sorgt schon mal für frischen Wind und so ganz nebenbei beginnt sich Merci auch für die Stadtbelange zu interessieren. Wenn sie dann eine Idee für das Freizeitangebot präsentiert, ist diese schon recht erstaunlich. Aber lest selbst.

Szenarist Zidrou, der mit bürgerlichem Namen Benoît Drousie heißt, ist ein Comiczeichner und –autor, der in Frankreich sehr angesehen ist. Er hat sich vor allem mit Geschichten für Jugendliche einen Namen gemacht, darunter etliche Serien; vieles davon ist hierzulande leider nicht erschienen. Mit Zeichner Arno Monini hat er nach „Merci“ noch an dem Zweiteiler „L’Adoption“ gearbeitet, der in Frankreich ebenfalls in der Bamboo Edition erschienen ist.

„Merci“ ist auch eine Art Geschichte über das Erwachsenwerden in der Provinz, aber vor allem eine Lektion in politischer Bildung. Auf einem kommunalen Niveau kann man vielleicht am schnellsten etwas bewirken und Veränderungen im Zusammenleben einer Gemeinschaft bewirken. So lautet auch die Moral der Geschichte: Einmischen lohnt sich. Das lernt auch Merci und sie lernt ebenfalls, sich besser in andere Menschen einzufühlen, sie besser zu verstehen.

Glücklicher Weise ist Zidrou ein geschickter Erzähler, der seine Botschaft nicht mit schwerer Moralkeule rüberbringt, sondern auf einen lockeren und witzigen Erzählton setzt, der für eine flotte Geschichte mit vielen sehr liebenswerten Charakteren sorgt. Eine gewisse sommerliche Leichtigkeit liegt auch über dem Artwork von Arno Monin, der „Merci“ nicht nur gezeichnet, sondern auch koloriert hat. Sein Stil hat ein gewisses cartoonhaftes Etwas, das die Figuren nur leicht überzeichnet und dadurch auch sehr lebendig wiedergibt. Das ist eher am Stil von Will Eisner orientiert als an Rene Goscinny versprüht aber durch und durch französischen Charme.

Weil sich die unterhaltsame und kluge Story und das verschmitzte Artwork so wunderbar ergänzen, ist „Merci – kleine Fehler“ von Zidrou und Monin eine kleine Überraschung geworden – und eine kleine Würdigung an Maurice Chenevall, den Dichter aus Bredenne.

Book Rating: ★★★★★★★★☆☆ 

Merci – Kleine Fehler
OT: Merci, Bamboo Edition, 2014,
Genre: Graphic Novel, Jugendkultur
Autor: Zidrou
Zeichner: Arno Monin
Übersetzung: Barbara Wittman
Verlag: Panini Comics, HC, 64 Seiten
VÖ: 27.03.2017

Abbildungen im Text aus Alberto Monins Blog

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