Lollipop Monster: Sieh die Krähe fliegen

Lollipop MonsterMit der schrillen Coming of Age Story „Lollipop Monster“ erschien 2011 eines der beeindruckendsten deutschen Filmdebuts seit Jahren.  Das ist nicht nur immer noch immer eine willkommene Abwechslung zum fernsehtauglichen Einheitsbrei deutschen Kinoschaffens, sondern vor allem eine bissige Vision einer Jugend im modernen Deutschland. In ihrer ersten großen Kinorolle ist der „Fack Ju Göhte“-Star Jella Haase zu sehen, die jüngst nicht nur erneut als Chantal brillierte sondern auch in dem sehenswerten Outsider-Drama „4 Könige“.

Schon die Anfangssequenz eines düsteren Musikvideos, in dem sich Goth-Schönheiten um einen weißgeschminkten, charismatisch lockenden Sänger winden, gibt die Richtung an, in die sich „Lollipop Monster“ bewegt:  Der Mensch ist doch nur ein Tier und die anschließende wilde Kamerafahrt führt über Umwege wieder zur Hauptfigur Ariane (Jella Haase), die sich vor dem Fernseher eben jenes Video ansieht.

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Auf den ersten Blick haben Oona (Sarah Horvath) und Ariane, beide 15 und auf derselben Schule, kaum Gemeinsamkeiten und doch verbindet die beiden Mädchen, dass sie aus komplett kaputten Familien kommen. Ariane wächst in einer Familie auf, die völlig realitätsfern versucht, eine nicht existente heile Welt aufrechtzuhalten. Diese dreht sich allerdings rund um die Uhr ausschließlich  um Arianes älteren, komplett psychotischen Bruder dreht,  der die Familie mit Hypochondrie und Gewaltausbrüchen tyrannisiert. Oona hingegen kommt aus einer Künstlerfamilie, in der sich die Eltern auf dekadent freigeistige Weise einfach auseinandergelebt haben. Während einer Ausstellung erwischt Oona ihre Mutter dem Bruder ihres Vaters. In der Folge nimmt dieser sich das Leben und Oona lebt mit schweren Schuldgefühlen.

Beide Mädchen suchen einen Ausweg aus ihrer Situation. Oona beginnt in ihrer von Düsternis geprägten Weltsicht damit, sich selbst zu verletzen, und Ariadne kompensiert die ihren familiären Alptraum, durch ihre irgendwie zu früh ausgelebte Sexualität, immer auch auf der Suche nach dem Tabubruch, der ihre Eltern endlich zum Reagieren zwänge. Es scheint fast, als würden sich Oona und Ariane zufällig anfreunden, doch die beiden Mädchen entwickeln eine Freundschaft, die ihnen beiden Halt gibt und deren große Gemeinsamkeit die Liebe zur Musik ist.

Lollipop Monster

In ihrem Regieerstling gelingt es Ziska Riemann, die gemeinsam mit Lucy von Org das Drehbuch entwickelte, mit ungeheurer Intensität und stilistischer Vielfalt zum Ausdruck zu bringen, was es bedeutet, heutzutage jung zu sein in Deutschland. Selbst wenn die familiären Umstände zunächst plakativ wirken, die Szenen eher nebeneinander als aufeinander zu laufen und eine gewisse Musikvideo-Ästhetik nicht von der Hand zu weisen ist, entwickelt sich daraus eine intensive und sehr überzeugende Filmerfahrung, die der Riot-Grrl Attitüde ihrer Heldinnen absolut gerecht wird und genau im richtigen Moment immer wieder eine unerwartete Wendung oder filmische Umsetzung aus dem Mantel zaubert.

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Hinzu kommt wie bei allen großen Filmen, dass die Darsteller unglaublich aufspielen. Allen voran die beiden Hauptdarstellerinnen Sarah Horvath („Songs of Love and Hate“) und Jella Haase („Kriegerin“). Letztere hatte zwar mit diesen beiden, jeweils mit dem Bayrischen Darstellernachwuchspreis ausgezeichneten, Rollen bereits den Sprung in die erste Schauspiel-Liga geschafft, aber erst mit der trashigen Teenie-Rolle Chantal in den beiden Mega-Blockbustern „Fack Ju Göhte“ gelang die große Bekanntheit. Die Basis dieser darstellerischen Tour de Force liegt allerdings immer auch im Drehbuch, das so windungsreich und ohne Scheu, auch auf Animationen und Effekte zu setzen, einfach nur gelungen und für deutsche Filmverhältnisse erstaunlich innovativ geworden ist. Beinahe selbstverständlich ist alles in „Lollipop Monster“ ein bisschen über die Stränge inszeniert, aber das entspricht, frei interpretiert, nur der überschäumenden Lebensgier der Teenager.

„Lollipop Monster“ ist einer der besten deutschen Filme der letzten Jahre und die Geschichte über das Erwachsenwerden zweier sehr unterschiedlicher Mädchen entzieht sich jeder Kategorisierung: Drama, Satire, Musikvideo, Fantasy-Groteske, Zeitdokument. Einfach das Leben – und was davon übrig bleibt. Nicht verpassen.

Movie Rating: ★★★★★★★★☆☆ 

Lollipop-Monster
Genre: Drama,
Länge: 90 Minuten, D, 2011
Regie: Ziska Riemann
Darsteller: Jella Haase, Sarah Horváth, Nicolette Krebitz, Thomas Wodianka, Sandra Borgmann
FSK: ab 16 Jahren
Vertrieb: Salzgeber
Kinostart: 25.08.2011
DVD-VÖ: 25.02. 2012

 

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