A New Dawn: Abgang mit einem Knall

In Asien kommt dem Feuerwerk eine ganz andere Bedeutung zu als hierzulande. In dem japanischen Zeichentrickfilm „A New Dawn“ soll eine altehrwürdige Feuerwerksfabrik abgerissen werden. Der Sohn des Besitzers plant noch ein spektakuläres Abschiedsfeuerwerk. Der 24 Bilder Filmverleih bringt den da Polyband-Anime am 15. Oktober als Event in die Kinos, bevor der Zeichentrickfilm im Dezember für das Home-Entertainment erscheint.

Die Feuerwerksfabrik von Herrn Obinata hat über Generationen für wundervolle Licht- und Farbspiele am Himmel über Niura City gesorgt, doch die Zeiten ändern sich, die Bucht, an der die Fabrik liegt, ist inzwischen trockengelegt und das Feuerwerk-Festival der Stadt würde auch eingestellt. Nun muss die Obinata-Fabrik stillgelegt werden. Das gefällt vor allem Obinatas jüngerem Sohn Kitaro überhaupt nicht. Chicchi, der ältere Junge, akzeptiert die Zeitenwende in sich gekehrt. Anders Kaoru, die Freundin der beiden Jungen. Sie muss die Stadt verlassen, um ihre Traurigkeit zu vergessen.

Jahre später arbeitet Chicchi für die Stadt und fragt Kaoru für eine Lichtperformance an. Die junge Frau hat sich während des Studiums in Tokio einen Namen als Projektionskünstlerin gemacht. Anfangs ist Kaoru nicht begeistert, nach Niura zurückzukehren, und Chicchi verschweigt, dass er die Freundin hauptsächlich zur Hilfe geholt hat, um Kitaru aus der Fabrik herauszubekommen, denn die soll in den kommenden Tagen abgerissen werden.

Kitaro träumt noch immer davon, das legendäre Shuhari-Feuerwerk aufzuführen, an dem sein Vater vergeblich gearbeitet hat. Sollte das gelingen, würde der altehrwürdigen Fabrik zumindest ein spektakulärer Abschied geboten, denn die Zeiten lassen sich nicht zurückdrehen.

Feuerwerk am helllichten Tage

Es wird immer als große Würdigung angesehen, wenn ein Anime einmal auf der Berlinale aufgeführt wird. Entsprechend groß ist das Publikumsinteresse für diese schon sehr eigene Kunst- und Filmform. So scheint sich bezüglich „A New Dawn“ ein bisschen die Einschätzung breiter gemacht zu haben, der Film sei in seinen knapp 75 Minuten visuell sehr opulent und überzeugend ausgefallen, aber inhaltlich bliebe da vieles nur angerissen und daher für das Publikum schwer zu verstehen.

Das lässt sich so nicht bestätigen. „A New Dawn“ (Deutsch etwa „ein neuer Morgen“) erzählt im Grunde eine Geschichte vom Erwachsenwerden, ein Coming-of-Age. Da geht es für die drei jungen Erwachsenen darum, die vertraute Kindheit hinter sich zu lassen und sich dem Berufsleben zu stellen. Sicherlich gibt es da etliche Subtexte und Anspielungen auf Verlust traditioneller Werte, Handwerke und Lebensgewissheiten, aber das gilt auch für jeden anderen Film, der nicht eindimensional wirken will.

In gewisser Weise übt „A New Dawn“ in seiner Geschichte von der bankrotten Feuerwerksfabrik auch Gesellschaftskritik, denn das Gebäude muss Raum machen für einen Solarpark, der die nahegelegene Stadt mit Energie versorgen soll. Und es verwundert auch nicht, dass der Zugang zum Fabrikgelände nur durch einen Tunnel möglich ist, das ist – nicht nur im Anime – ein beliebtes Motiv für einen symbolischen Übergang, so steht die Fabrik für die Kindheit und zugleich für einen traditionellen Lebensstil.

Ein Leben in Tokio ist nicht erstrebenswert

Die drei Protagonisten gehen damit ganz unterschiedlich um. Chicchi versucht aus der Nähe der Stadtverwaltung eine Beziehung und Erinnerung zu der Fabrik beizubehalten, Kaoru wendet sich intensiv zur Zukunft hin, indem sie die geliebte Feuerwerkstechnik mit anderen Mitteln aufnimmt, und Kitaro weigert sich schlicht, die Realität anzuerkennen, und lebt als Hausbesetzer in dem ehemaligen Familienbetrieb.

Es ist nicht verwunderlich, dass die Idee für seinen letzten großen Knall sich auf eine Piratenromantik stützt, die hier vor Ort vor Jahrhunderten ihren sicheren Hafen hatte.

In „A New Dawn“ geht es aber keineswegs um fortschrittsfeindliche Nostalgie, sondern darum, Abschied, Aufbruch und Neuanfang zu thematisieren. Da darf es im Anime gerne auch mal etwas fantastisch, etwas überbordend und anarchisch und visuell auf jeden Fall opulent sein.

In der Piratenbucht

Regisseur Yoshitoschi Shinomiya filmt mit „A New Dawn“ sein Spielfilmdebüt, hat aber an etlichen Animes als Künstler mitgearbeitet, unter anderem an dem hochgelobten und wunderschönen „Your Name“, und so kann das Publikum auch seinen Stil in den Hintergründen und in den Szenarien wiedererkennen. Aber das mag intensivere Beschäftigung mit dem Genre notwendig sein.

Selbstredend läuft in „A New Dawn“ alles auf ein finales Feuerwerk hinaus, das mit einer kathartischen Wirkung auch für leinwandfüllende Bilder sorgen soll. Darüber hinaus hat der Film aber auch andere schöne Sequenzen zu bieten, die ganz wunderbare Details oder gar Szenen zeigen. Schließlich ist ein Zeichentrickfilm auch dazu da, etwas darzustellen, das (zumindest vor CGI-Zeiten) nicht ohne Weiteres im Realfilm abzubilden war und ist.

Clever und auch experimentell ist die Sequenz, in der Kitaru an einem Modell des Fabrikgeländes seine Pläne erläutert. Das geschieht in einer Umkehrung der filmischen Mittel als Stop-Motion mit real gefilmten Spielfiguren in einem Modell aus Holz und Pappmaché. Aber das mag jede:r selbst entdecken.

Der Anime „A New Dawn“ erzählt von jungen Leuten in Zeiten eines großen Abschieds. Dabei kommen großartige Bilder zum Vorschein und wissen nachzuwirken. Inhaltlich beschränkt sich das Regiedebüt von Yoshitoschi Shinomiya auf die Planung und die Action und lässt einige Themen nur angedeutet, die bei längerer Spielzeit als 75 Minuten durchaus noch interessant hätten sein können. Wer nach dem Kinobesuch gerne noch weiterdenken mag, findet hier Futter für die Gedanken.

8 von 10 Punkten

A New Dawn
OT: 花緑青が明ける日に (Hana rokushô ga akeru hi ni)
Genre: Anime
Länge: 76 Minuten, J, 2026
Regie: Yoshitoschi Shinomiya
FSK: ab 12 Jahren
Verleih: Polyband
Vertrieb: 24 Bilder
Kinostart: 15.10.2026
DVD-&-BD-VÖ: 11.12.2026

Schreibe einen Kommentar