Wer als erfolgreicher Mental-Trainer Selbstoptimierung predigt, sollte die eigene Botschaft auch anwenden. So ist Erfolgs-Coach Ismael Posta die gute Laune auch nicht aus dem Gesicht zu wischen, obwohl er nach seinem überraschenden Tod direkt in der Hölle landet. Das kann sich doch nur um ein Missverständnis handeln, schließlich hat der Laden hier auch erhebliches Optimierungspotential. Nachzulesen im bissigen Satire-Comic „Willkommen in Pandemonia“, jüngst bei Schreiber & Leser veröffentlicht.
Ismael Posta weiß kaum wie ihm geschieht. Gerade noch stand er in einen riesigen Event auf der Bühne und nun findet sich der erfolgreiche Influencer und Erfolgs-Coach in einem Zug in Richtung Hellville wieder. Neben ihm eine mittelalte Dame aus dem Außendienst. Der Schaffner ist ein gehörntes Wildschwein und die Aussicht ist bizarr und ruinös.
Beim dämonischen Zoll setzt Postas unverwüstlicher Optimismus ein und er wendet sich sogleich an die Beschwerdestelle. Auf keinen Fall, kann er in der Hölle bleiben. Mit seiner Impertinenz findet er einen gelangweilten Anwalt und der Fall kommt vor Gericht. Aber so richtig hat Posta noch nicht verstanden, wie die Dinge hier unter geregelt werden. Die Frage ist nicht, ob man im Jenseits noch ins Paradies umsiedeln darf, die Frage ist welchen Grad an Höllenqualen man für die Ewigkeit ausgesetzt ist.
„Der Fisch stinkt vom Kopf her, Chef.“
Derweil hat Luzifer als Chef des Aufsichtsrates gerade anderes zu regeln. Die übrigen Höllenfürsten sind mit seiner Führung nicht zufrieden. Auch und gerade, weil das Ministerium der Himmlischen Mächte schon wieder neue Todsünden in die Liste aufgenommen hat. Fast durchgehend handelt es sich dabei um moderne und technische Vergehen wie Spam-Schleudern, Phishing oder Coaching. Damit können die alten Höllenfürsten wenig anfangen.
Und das Personal hat langsam auch keine Lust mehr. Die Gewerkschaft der Hochofenheizer hat zum Streik aufgerufen und es gibt nicht genug Kapazitäten um alle Neuzugänge im Höllenfeuer schmoren zu lassen. Und dann sind da immer diese andauernden Beschwerden. Das Justizsystem muss reformiert werden!
„Die einzigen Grenzen sind die Grenzen in meinem Kopf“, ruft Erfolgs-Coach Ismael Posta seinem Publikum zu und dann steht er ganz konkret am Zoll der Hölle. Doch der selbstzufriedene Narzist ist nie um eine Floskel und eine Challenge verlegen. Und er verstrahlt seine Umwelt mit einem höflichen Colgate-Lächeln. Heutzutage muss doch jeder an sich arbeiten, in Neoliberalismus kann doch jeder alles erreichen.
„Solutions are in your Hands, Problems are in your mind.“
Bei genauerem Hinsehen schient die Hölle kaum anders zu funktionieren als unsere Welt in der Gegenwart. Die Infrastruktur ist marode, Die Leute streiken, weil die Arbeitsbedingungen immer schlechter werden. Die Regierung laviert herum und es mangelt an klarer Linie. Zudem herrscht überall Bürokratie.
Szenarist Diego Agrimbau und Illustrator Gabriel Ippóliti stammen aus Argentinien. Die eigene Lebenserfahrung mit etlichen Wirtschaftskrisen und korrupter Politik mag Inspiration für diese vorliegende Satire sein. Wobei die Leserschaft hierzulande gar nicht mal in die Ferne schweifen muss, um pandemonische Zustände zu erleben.
Der Protagonist im „Willkommen in Pandemonia“ ist der Prototyp eines modernen Rattenfängers und Scharlatans. Das Herr Posta ausgerechnet in den Bereichen die Leute übers Ohr haut und ausbeutet, wo die Gesellschaft ihre Verantwortung längst aus de Hand gegeben hat, mag Hinweise geben auf den Zustand der Welt und unsere digitalen Lebewelten. Nie war es so leicht, richtig viele Moneten zu machen. Nie war es so leicht richtig abgezockt zu werden.
Doch die Story in „Willkommen in Pandemonia“ ist kaum die halbe Miete. Ob die Leserschaft die zwar bissige aber gelegentlich auch offensichtliche und etwas plumpe Satire lustig findet, ist auch immer dem eigenen Humor-Level geschuldet. Die Illustrationen allerdings machen für sich genommen bereits ganz erhebliche Freude.
Freiheit für alle!
Gabriel Ippóliti hat nicht nur gezeichnet sondern auch koloriert und das mit sehr stimmungsvoller Farbgebung. Während der diesseitige Storyauftakt noch in gedeckten Business-Blau gehalten ist, wird es während der Zugfahrt komplementär höllisch Orange und bleibt im Folgenden immer in einem situativ angepassten farblichen Grundton. Der holzvertäfelten braunen Sitzungssaal des Aufsichtsrats ist schon fiese Siebziger-Jahre-Style.
Außerdem ist Pandemonia hinreißend schräg bevölkert von Charakteren mit Hörnern, Tierschnauzen und Spitzohren, die in ihrer menschlichen Gnubbeligkeit auch schon launig überspitzt sind. Mittendrin das Dauergrinsen des Protagonisten, der Herausforderungen liebt und überall Gelegenheit findet die Kreativität zu trainieren.
Erzählerisch verknüpft „Willkommen in Pandemonia“ zwei ebenen und montiert die Irrwege des Ismael Posta neben den Führungsproblemen von Luzifer. Zwischenzeitlich beobachten und kommentieren drei skelettierte Raben das Geschehen als unheilsbringende Kriegsreporter oder Schaulustige. Das ist schon schön anzuschauen.
„Lassen Sie sich gezielt auf neue Gedanken ein“: „Willkommen in Pandemonia“ von Agrimbau und Ippóliti nimmt die hahnebuchenen Heilsverprechen selbsternannter Berater und Influencer aufs Korn. Und verfrachtet die höllischen Zustände digitaler und neoliberaler Lebewelten auch direkt in die Unterwelt. Das ist hinreißend lässig illustriert und sehr kurzweilig erzählt. Auch die längste Reise beginnt mit dem ersten Schritt.
Willkomen in Pandemonia
OT: Bienvenue à Pandemonia, Dargaud, 2025
Autor: Die go Agrimbau
Zeichner und Kolorist: Gabriel Ippóliti
Übersetzung: Resl Rebiersch
Korrektorat: Pit Kannapin
ISBN: 978-3-96582-208-5
Verlag: Schreiber & Leser
VÖ: 05.12.2025
Willkommen in Pandemonia bei Schreiber & Leser
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