Der Dänische Filmmacher Anders Thomas Jensen ist vor allem als Drehbuchautor erfolgreich und hat inzwischen mehrt als 60 Scripte verfasst, bisweilen setzt er auch eine seiner eigenen Geschichten als Film um. Dann kommen skurrile dänische Komödien dabei heraus, die ebenso abseitig sind wie sie nicht vor Tabus zurückschrecken. Und jetzt sind Nikolai Lie Kaas und Mads Mikkelsen als ungleiche Brüder auf der schrägen Suche nach der Beute eines Bankraubs – mehr oder minder. Zu sehen im Kino ab dem 25. Dezember 2025.
Anker (Nikolai Lie Kaas) hat ein Problem. Bei einem Bankraub vor 15 Jahren wurde er geschnappt. Er musste es seinem unbeteiligten Bruder Manfred (Mads Mikkelsen) überlassen, die Beute zu verstecken. Und zwar beim alten Haus der Mutter in den dänischen (oder schwedischen) Wäldern.
Jetzt ist Anker aus der Haft entlassen und will das Geld holen. Aber Manfred heißt jetzt John und hält sich für John Lennon. Anker findet das blödsinnig, John lässt sich aus dem Auto fallen und muss erstmal ins Krankenhaus. Der Krankenhaus-Psychiater Lothar (Lars Bryggman) trifft Anker abends zufällig in der Kneipe. Er findet es ein lohnenswertes Therapie-Projekt die Beatles wieder zusammen zu bringen, immerhin war in einer geschlossenen Abteilung andernorts auch ein Ringo als Patient.
Und so kriegen Anker und John Besuch von Lothar und der Band, während sie sich gerade bei Werner (Søren Malling) und Margrete (Sofie Gråbøl) eingemietet haben. Die betreiben in dem Haus von John und Ankers Kindheit ein Airbnb. Derweil ist auch Ankers alter Raubkumpan „friendly“ Flemming (Nicolas Bro) auf dem Weg, der deutlich handfester ist als sein Spitzname und der dringend Geld braucht.
Existenzielle Verzerrung
Möglicherweise sitzt ein Teil des Publikums im Saal, weil Dänemarks Superstar Mads Mikkelsen in einer Hauptrolle zu sehen ist. Doch anders als im internationalen Filgeschäft („Kampf der Titanen“) oder in historischen Dramen („King’s Land“), darf Mads in Jensens Filmen alles andere als heldenhaft sein.
Der große Bruder mit psychischen Problemen ist schon eine anstrengende Betreuungsaufgabe. Daran hat Anker durchaus seine Beteiligung. Vor allem aber weiß der Gauner nicht, wo der mit der Persönlichkeitsstörung das Geld versteckt hat. Dem mit einer gewissen Dringlichkeit auf den Grund zu gehen, fördert noch ganz andere Fundstücke zu Tage.
Und dennoch ist die Brudergeschichte nur der Kern dieser Wahlfamiie aus Menschen mit eigener Weltsicht. Während die „Beatles“-Proben oft genug daran scheitern, das nicht alle ein Instrument beherrschen, hält sich Hamdan (Kardo Razzazi) nicht nur für Paul oder George, sondern auch für Björn von Abba und Heinrich Himmler.

Immerhin fühlt sich Werner nach einer unproduktiven Phase als Weinconnaisseur kreativ beflügelt und versucht sich als Kostümdesigner. Margrete nun wieder drischt immer weiter wütend auf den Sandsack ein und trainiert Boxen und Fitness, wann immer es sich einrichten lässt.
Abba statt Beatles
Das alles ist in einer Weise zusammengefügt, wie es in Filmen von Regisseur Anders Thomas Jensen seit „Flickering Lights“ (2000) immer gerne ist. Ein bisschen Gaunergeschichte, ein bisschen Familie („Men & Chicken“, viel abseitiger Humor und ein bisschen durchgeknallte Brutalität („Dänische Delikatessen“ OT: „Den grönne Slagtere“). Im Grunde genommen könnte man unterstellen, Jensen würde nur Variationen des selben Films drehen. Was selbstredend zu kurz gegriffen wäre.
Richtig ist, dass das Personal, zumindest in den Haupt- und tragenden Rollen immer wieder dasselbe ist, ebenso wie die grundsätzliche Absurdität der Figurenkonstellation. Wenn in „Adams Äpfel“ ein gutmütiger Pastor auch einen Neonazi in seine Rehabilitationsgruppe aufnimmt, ist das genauso irritierend wie die Geschwistersuche in „Men & Chicken“ oder die zufällige Zusammenkunft in „Helden der Wahrscheinlichkeit“. „Therapie für Wikinger“ reiht sich da nahtlos ein.
Es fällt mir persönlich schwer objektiv zu sein. Ich bin mit Anders Thomas Jensens schrägen Komödien älter geworden, habe ohnehin ein Faible für skandinavisches Filmschaffen und schätze alle der beteiligten Drasteller:innen sehr. Insofern ist „Therapie für Wikinger“ von Anders Thomas Jensen wie ein weiteres Klassentreffen nach vielen Jahren. Man freut sich, alle wiederzusehen. Mal ist der eine schlechter drauf, mal benimmt sich die andere daneben. Am Ende hat man immer etwas, das einem nachhängt.
Therapie für Wikinger
OT: Den sidste Viking
Genre: Drama, Komödie
Länge: 116 Minuten, DK, 2025
Regie: Anders Thomas Jensen
Schauspiel: Mads Mikkelsen, Sofie Gråbøl, Nikolai Lie Kaas,
FSK: ab 16 Jahren
Verleih: Neue Visionen, Splendid,
Kinostart: 25.12.2025
Photos by Rolf Konow




