Urwüchsig ist es in Päckchen #20 des #Filmadvent.Der Olivenbaum gehört zu den ältesten Pflanzen, die die Menschheit als Nutzpflanze kultiviert hat. Nicht selten werden diese knorrigen Gestalten mehrere tausend Jahre alt. In Icíar Bollaín modernem Märchen „El Olivio“ macht sich eine engagierte junge Dame auf den Weg, um einen alten Baum zurückzuholen. Die Geschichte erzählt über weite Strecken mitreißend von Familie, Krise und den Veränderungen in unserer Welt. Dabei kommen sowohl traurige als auch tragische Momente nicht zu kurz.
Die lebenslustige Alma lebt und arbeitet auf der Hühnerfarm ihrer Familie. Ihren schweigsamen Großvater liebt sie über alles. Doch der alte Mann spricht nicht mehr, seit seine Kinder einen alten Olivenbaum für viel Geld verkauft haben. Jener Baum war das Herzstück der Olivenplantage, mit der der Großvater einst seinen Lebensunterhalt bestritt. Jetzt allerdings verfällt der alte Mann immer öfter ins Herumirren und macht seiner Familie Sorgen. Einzig Alma scheint einen Draht zu ihm zu haben. Und ihre Diagnose gegen das fortschreitende Vergessen ist klar. Der Olivenbaum muss wieder her. Aber wo ist das uralte Gewächs überhaupt gelandet?
Alma macht den Baum, an dessen Rinde man das Gesicht eines Monsters fantasieren kann, im Foyer einer großen Bank in Düsseldorf aus. Nun überlegt sie sich einen Plan, den Baum zurückzuholen. Mit von der Partie sind ihr ihr Onkel Alcachofa (Javier Gutiérrez) und Kollege Rafa (Pep Ambrós). Der arbeitet auch noch als LKW-Fahrer arbeitet und ist ziemlich in Alma verknallt. Mit einem „geliehenen“ Schwertransporter macht sich das Trio auf den Weg, den Olivenbaum zurückzuholen.
„El Olivio“ ist über weite Strecken ein wunderbarer Film, der ds Publikum von der ersten Sequenz an mitreißt und mit der energetischen, rebellischen Alma mitfühlen lässt. Regisseurin Icíar Bollaín wollte die Familiengeschichte vor dem Hintergrund der Auswirkungen der Finanzkrise von 2007 als modernes Märchen erzählen. Dafür hat sie in Paul Laverty einen kongenialen Drehbuchautoren gefunden.
Großvater verstummt
Zusammen haben die beiden 2010 auch schon „Und dann der Regen“ gedreht, der international mit etlichen Preisen ausgezeichnet wurde. Laverty, regelmäßiger Autor des englischen Sozialfilmers Ken Loach, durfte sich in Cannes gerade über die Goldene Palme für „I, Daniel Blake“ freuen, der hatte seinerzeit bei uns allerdings noch keinen Starttermin hat. Aber zurück zu „Der Olivenbaum“.
Im Laufe des Films entwirft die Geschichte nicht nur einen Einblick in heutiges landwirtschaftliches Arbeiten in Spanien. Auch ein Familienpanorama wird gezeigt, bei dem die Beziehungen erst allmählich klar werden. Warum beispielsweise Alma mit ihrem Vater im Clinch liegt? Wieso der Großvater gegenüber seinen Kindern so verbittert ist? Und welche enttäuschten Hoffnungen diese zu tragen haben?
Das ist mit viel Empathie für die Figuren geschildert und steht zugleich exemplarisch für gesellschaftliche Entwicklungen. Nicht nur in Spanien, sondern wahrscheinlich in ganz Südeuropa. Aber mit der Demenz des Großvaters wird auch der Umgang mit der älteren Generation auf nachvollziehbare Weise aber ohne Pathos thematisiert.
Die Baum-Entführung
Getragen wird „El Olivio“ dabei ganz von seiner charismatischen und energetischen Heldin. Die zieht aus wie Don Quichote, um den Windmühlen der Großfinanz den Wind aus den Segeln zu nehmen. Der Ausverkauf der Kulturgüter und damit ihre Privatisierung sind gleichsam auch ein moderner Trend, den der Film gekonnt aufnimmt. Aber die gesamte Darstellerriege spielt sehr überzeugend auf. Allen voran Pep Ambrós als schweigsamer, verliebter Rafa und Javier Gutiérrez als aufbrausender aber liebevoller abenteuerlustiger Onkel.
Einzig in den Düsseldorfer Szenen kann „El Olivio“ nicht wirklich überzeugen. Die aktivistische Unterstützung der deutschen Freunde via Internet und auch der Demo-Flashmob wirken irgendwie eher albern als dramatisch. Sie mögen vielleicht auch der deutschen Filmförderung geschuldet sein. Die erwartet bei Beteiligung nachvollziehbarer Weise auch Drehtage und somit heimische Effekte für die Filmbranche. Die Düsseldorfer Episode trübt das Filmvergnügen nur minimal. Und wer den Film in der Originalfassung anschaut, wird mit der Tatsache entschädigt, dass keiner der Spanier Düsseldorf richtig aussprechen kann.
Der sehenswerte spanische Film „El Olivio – Der Olivenbaum“ lebt von seiner jugendlichen Frechheit und den tief bewegenden Familienbanden. Mit einer Spur anarchischer Trotzigkeit hält „El Olivio“ immer die anrührende, lebendige Balance zwischen Sozialkritik, Drama und Humor.
El Olivo – Der Olivenbaum
OT: El Olivo
Genre: Drama, Komödie
Länge: 98 Minuten, E, 2016
Regie: Icíar Bollaín
Schauspiel: Anna Castillo, Javier Gutiérrez, Pep Ambròs,
FSK: ab 6 Jahren
Verleih: Piffl / Indigo /Good Movies
Kinostart: 03.08.2016
DVD-VÖ: 03.03.2017

