Vor der Morgenröte – Stefan Zweig in Amerika

Literarisch wird es hinter Tür #19 im #Filmadvent. „Vor der Morgenröte“ von 2016 erzählt aus dem Leben eines Schriftstellers. Neben Thomas Mann war der österreichische Schriftsteller Stefan Zweig während des Dritten Reiches vielleicht der weltweit bekannteste deutschsprachige Autor im Exil. Eben diese Zeit steht im Mittelpunkt des szenischen, biografischen Spielfilms „Vor der Morgenröte“. Joseph Hader, den man bis dato eher in komischen Rollen sieht, brilliert als zweifelnder und erschöpfter Schriftsteller in einem auch formal ungewöhnlichen Film.

Es ist eine Grundsatzentscheidung wie man sich der Film-Biografie eines Menschen nähert. Ob man das ganze Leben chronologisch oder in Rückblenden aufarbeitet und ausbreitet? Oder ob man sich auf einzelne Momente beschränkt, die noch nicht einmal Schlüsselmomente im dargestellten Leben sein müssen? „Vor der Morgenröte“ fokussiert sich zeitlich auf Stefan Zweigs letzte Jahre im Exil.

1934 emigrierte der österreichische Jude nach einer Hausdurchsuchung durch die Nationalsozialisten von Wien nach London. Von wo aus er ausgedehnte Reisen nach Süd- und Nordamerika unternahm und schließlich in Petropolis in Brasilien ansässig wurde, wo sich der Autor 1942 das Leben nahm.

Schauspielerin Maria Schrader („Aimée und Jaguar“, „Der Kindermord“) legt mit „Vor der Morgenröte“ ihre zweite Regiearbeit vor. Zu der sie zusammen mit Jan Schomberg („Vergiss mein ich“) auch das Drehbuch verfasste. Dabei konzentriert sich die Handlung auf vier Stationen aus Stefan Zweigs Leben in Amerika. Eingerahmt von einem Prolog bei einem Empfang in Rio de Janeiro 1936 und einen Epilog in Petrópolis 1942, als der Tod von Stefan Zweig und seiner zweiten Ehefrau Lotte (Aenne Schwarz) bemerkt wird.

Aus der Heimat vergrault

Dazwischen wird der P.E.N.-Kongress in Buenos Aires 1936 inszeniert. Auf dem weigert sich Stefan Zweig – anders als viele seiner Autorenkollegen – als Intellektueller und Pazifist grundsätzlich, das politische Geschehen in seiner Heimat zu kommentieren. Anschließend eine Rundreise durch die brasilianischen Provinzen 1941, auf der die ganze Ermüdung des Schriftstellers sichtbar wird.

Später führt der Film noch im selben Jahr nach New York.Wwo Zweig mit seiner ersten Frau Friderike (Barbara Sukowa) nicht nur die Lage von Freunden und Kollegen in der Heimat und die Möglichkeiten der Hilfestellung erläutert. Im November 1941 sind die Zweigs dann ganz nach Petrópolis in Brasilien gezogen. An seinem 60. Geburtstag trifft er Schriftsteller und Journalisten Ernst Feder (Matthias Brandt), der nun auch ins Exil gegangen ist.

„Vor der Morgenröte“ lebt nicht nur von den großartigen Darstellerleistungen, sondern auch von seiner sehr gelungenen und zeitgemäßen Ausstattung und vor allem von der sehr gelungenen Kameraarbeit von Wolfgang Thaler („Paradies“-Trilogie von Ulrich Seidel).

Allein die eröffnende Plansequenz des fast angerichteten Festbanketts in Rio und das Eintreffen der Festgemeinschaft ist großartig choreografiert. Aber auch in späteren Sequenzen weiß die Kamera dicht und dennoch nicht voyeuristisch an den Figuren zu sein. Vor allem Joseph Hader, der seinen Stefan Zweig sehr zurückgenommen, nachdenklich und bisweilen von der Realität gequält anlegt, kommt sehr nuanciert zur Geltung.

Das Fremdeln in der Fremde

Bisweilen stellt sich bei aller Kunstfertigkeit dann aber doch ein wenig Ernüchterung ein. Einige Sequenzen, wie etwa die Reise durch Brasilien, sind etwas zu lang und zu langatmig geraten. Bisweilen wirkt der Film wie so viele deutsche Biografien jener Zeit (z.B. „Hannah Arendt“, „Der Staat gegen Fritz Bauer“) etwas zu detailgetreu ausgestattet und droht an der Staffage zu erstickt. Das etwas gemächliche Erzähltempo hingegen ist beabsichtigt und eine Ausformulierung von Zweig Vergeistigung. Das hat dann auch schon mal theaterhafte Züge, die dem Film aber gut zu Gesicht stehen.

Beim Thema Exil kam zum Kinostart und kommt man als Zuschauer beinahe zwangsweise auch zu Rückschlüssen auf die aktuelle Flüchtlingslage. Viele Staaten haben gerade viel zu bewältigen. Und auch wenn einem das Schicksal Stefan Zweigs die Perspektive der Flüchtlinge und Vertriebenen auf gewisse Weise nahebringt, so ist das doch nur ein Nebeneffekt. Bei dem sollte die privilegierte Stellung des erfolgreichen Autors nicht vergessen werden.

Das sehr kunstvoll szenisch arrangierte Bio-Pic „Vor der Morgenröte“ erzählt auf außergewöhnliche Weise vom Schicksal des Schriftstellers Stefan Zweig, der nicht nur mit seiner „Schachnovelle“ zu Weltruhm gelangte. Vor allem die Filmästhetik und das großartig aufspielenden Ensemble um den tollen Joseph Hader machen „Vor der Morgenröte“ zu einem sehenswerten Film- und Zeitportrait.

Bewertung: 7 von 10.

Vor der Morgenröte
OT: Vor der Morgenröte
Genre: Biografie, Drama, Historie
Länge: 120 Minuten, D, 2016
Regie: Maria Schrader
Schauspiel: Joseph Hader, Matthias Brandt, Barabara Sukowa,
FSK: ab 0 Jahren, ohne Altersbeschränkung
Verleih: X Verleih, Warner / Plaion Pictures
Kinostart: 02.06.2016
DVD-VÖ: 01.12.2016

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