Sorry, Baby: Die Aussichten

Das Filmdebüt der US-amerikanischen Komikerin, Filmmacherin und Schauspielerin Eva Victor wird aktuell ziemlich abgefeiert. Das ist durchaus gerechtfertigt bei dem sensiblen und lustigen Film über eine junge Frau mit einer traumatischen Situation in ihrem Leben. Zu sehen im Kino ab dem 18.12.2025.

Agnes (Eva Victor) ist junge Literaturprofessorin an einer Uni im Neuengland. Sie lebt allein in jenem Haus, das sie als Studentin mit ihrer Freundin und Ex-Partnerin Lydie (Naomi Ackie) bewohnte. Die kommt in diesem Winter auch gerade zu Besuch um zu verkünden, dass sie schwanger ist. Ein Grund zur Freude und ein Anlass sich an alte Zeiten zu erinnern.

Und so nimmt „Sorry, Baby“ seinen Lauf in fünf Kapiteln, die jeweils den prägenden Momente jener Zwischentitel-Jahre zugeordnet sind. In diskontinuierlicher Weise erzählt „Sorry, Baby“, dass Agnes gegen Ende ihres Studiums Opfer eines Missbrauchs durch ihren Englisch-Professor wurde.

Später, nach ihrem Abschluss, hat sie dessen Lehrauftrag und auch dessen Büro zugeteilt bekommen. Nun muss sich die junge Professorin mit Studenten herumplagen, die Nabokovs „Lolita“ nicht mehr lesen wollen, weil sie die Geschichte unangemessen finden. Und Agnes muss sich bisweilen noch herumplagen mit Angstzuständen, die sie seit dem Übergriff begleiten.

Jahre mit prägenden Momenten

Es fällt nicht leicht, die Qualität von „Sorry, Baby“ auf den Punkt zu bringen. Faktisch sind die Erzählzeiten des Films in ein Vor und ein Nach der „schlimmen Sache“ unterteilt. Und so bleibt Agnes Perspektive auf die Geschehnisse auch konsequent verbunden mit der Weigerung, jener „schlimmen Sache“ eine weitere Inszenierung zu gestatten. Was auch gar nicht notwendig ist.

Agnes (und der Film) reagieren mit Sarkasmus und ironischer Distanz auf die Umwelt und den Vorfall. Das wird durch die Herzlichkeit und liebevolle Zuwendung von Lydie mit einer mitfühlenden Herzenswärme abgefedert, beziehungsweise konterkariert. Und dennoch gibt es immer wieder abstruse Szenen, in denen Agnes von den Reaktionen und Äußerungen ihrer akademischen Umwelt irritiert wird. Und es gibt eine neidvolle Mitstudentin, die immer wieder für bizarren Witz und einen komplett anderen Blickwinkel sorgt.

Thematisch gibt es durchaus eine Nähe zwischen „Sorry, Baby“ und „After the Hunt“ von Luca Guadagnio, in dem es ebenfalls um einen Missbrauchsvorwurf im akademischen Umfeld geht. Doch wo „After The Hunt“ die ebenso involvierte wie distanzierte Perspektive einer Professorin einnimmt, geht es in „Sorry, Baby“ um jene junge Frau, der etwas zustößt. Der Umgang damit ist vielschichtig und komplex und folgt keiner klaren Verarbeitungsrichtlinie. Es gibt Aufs und Abs. Es gibt das Leben.

Manuskriptseiten als Fenstervorhang

Und das geht weiter. Soviel lässt sich aus der hoffnungsfrohen, bissigen Komödie herauslesen. Und Agnes behält das Heft des Handelns in der Hand. Zwar fehlt ihr scheinbar bisweilen der Mut große Veränderungen anzugehen, aber möglicherweise war es schon immer ihr Plan und ein Traum, in der eigentlich wohlbehüteten akademischen Blase Neuenglands zu leben und zu arbeiten? Nur, der sichere Raum muss zurückerobert werden.

Dafür findet Eva Victor bisweilen stimmige und sensible Bilder und Szenen, bisweilen verkommt das Uni-Millieu mit seinem endlosen Gerede aber auch zur Persiflage. Fein gesetzt sind da die Gegenpole. Jene Szenen, die vom schüchternen Nachbarn Gavin (Lucas Hedges) mitgetragen werden, oder vom besten Sandwich-Macher im ganzen Land. Trost liegt bisweilen in einem Snack, während mensch auf dem Bordstein eines winterlichen Parkplatzes sitzt.

„Sorry, Baby“ thematisiert auf tröstliche Weise den Umgang mit einem Trauma. Das zeigt auch einige, eher spezifische Befindlichkeiten der GenZ, ist aber darüber hinaus sensibel inszeniert. Der Humor ist durchaus speziell und verfängt (bei mir) nicht immer. Doch wer mit 90er Jahre Indie-Komödien etwas anfangen konnte, wird auch mit „Sorry,Baby“ glücklich.

Bewertung: 7 von 10.

Sorry, Baby
OT: Sorry, Baby
Genre: Komödie,
Länge: 104 Minuten, USA, 2025
Regie: Eva Victor
Schauspiel:Eva Victor, Lucas Hedges, Naomi Aeckie
FSK: Aa 12 Jahren
Verleih: DCM
Kinostart: 18.12.2025

Schreibe einen Kommentar