Herbert: In den Seilen

Es wird persönlich hinter Tür #17 im #Filmadvent. Als Vorname ist „Herbert“ ein wenig aus der Mode gekommen, aber je länger der Film von Thomas Schuber dauert, desto passender erscheint die schlichte Betitelung mit dem Vornahmen des Protagonisten. Denn das Drama ist mehr als eine Milieustudie oder ein Psychogramm. Es ist wie der grandiose Hauptdarsteller Peter Kurth es nennt „ein Lebensfilm, ein Menschenfilm“. Dabei geht es um die Ohnmacht, den Kontrollverlust über die eigene Existenz.

Als Boxer hat Herbert (Peter Kurth) seine aktive Karriere längst hinter sich. „Der Stolz von Leipzig“ hält sich als Geldeintreiber und Türsteher über Wasser. Aber ganz hat Herbert dem Boxsport noch nicht hinter sich gelassen und trainiert ein aufstrebendes Talent, das er auf seinen ersten Kampf vorbereitet. Allerdings macht Herbert sein Körper mehr und mehr zu schaffen. Ausgerechnet an seinem Geburtstag schütteln ihn heftige Muskelkrämpfe und er bricht unter der Dusche der Boxbude zusammen.

Auch privat läuft es nicht allzu rund: Seine Beziehung zu der Wäscherin Marlene (Lina Wendel) ist sehr wechselhaft. Das liegt vor allem an Herberts granteliger Art. Viele Freunde hat er auch nicht gerade. Da wäre noch der Tattoo-Künstler Specht (Rainer Schöne), mit dem Herbert auf einer Harley auf der Route 66 zum Pazifik cruisen will, bevor er siebzig wird. Das Geld hat er schon zusammen und das entsprechende Tattoo ist in Arbeit.

Angezählt

Doch dann macht Herberts Körper Zicken und er muss sich wohl oder übel untersuchen lassen. Die Diagnose ist erschütternd und unausweichlich: ALS. Eine nicht heilbar Degeneration des motorischen Nervensystems. Doch Herbert ist wild entschlossen, sich nicht unterkriegen zu lassen und sein Leben weiterzuführen. Nur, Inkasso klappt irgendwie nicht mit ‚nem Krückstock.

Auf der Theaterbühne ist Peter Kurth („Gold“, „Glauben“) längst ein gefeierter Star und wurde 2014 von einer Fachzeitschrift sogar zum „Schauspieler des Jahres“ gewählt. Auch aus dem Fernsehprogramm ist das markante Gesicht kaum wegzudenken, doch wirkliche Hauptrollen waren bislang selten dabei. In „Herbert“ verkörpert Peter Kurth den Boxer mit der tödlich verlaufenden Krankheit nicht nur in allen Phasen mit großer Physis, sondern auch mit grandios wortkargem Spiel. Die Rolle scheint dem Mimen auf dem Leib geschrieben. Das gehört zu den außergewöhnlichsten Darstellungen des Jahres.

Dabei ist auch das Drehbuch von Regisseur Thomas Stuber („In den Gängen“) und dem Schriftsteller Clemens Meyer („Als wir träumten“) über weite Strecken wirklich gelungen. Anfangs wirkt „Herbert“ fast wie eine heruntergekommene Milieustudie mit viel Körperkult, Boxen und Tattoos. Dann aber entwickelt sich die Charakterstudie schnell zu einem perfiden Kampf mit einer heimtückischen Krankheit und lässt dabei kaum etwas aus. Das ist als Zuschauer nicht immer leicht zu ertragen, aber wird von der großen Intensität und der sehr gelungenen Kameraarbeit faszinierend in Szene gesetzt. Da verzeiht mensch auch das eine oder andere Handlungselement, das recht nah am Klischee gebaut ist. Etwa die Aussöhnung mit der Tochter, oder auch diese Aquariumsszenen mit den Skalaren.

Ausgeknockt

Die Krankheit ALS ist weiten Teilen der Bevölkerung durch die damals aktuelle „Ice Bucket Challange“ bekannt. Damit initiierte der erkrankte Baseball-Spieler Peter Frates einen Spendenaufruf für die ALS –Forschung. Im Film wurde die Krankheit in den letzten Jahren sowohl in „Das Glück auf meiner Seite“ als auch in „Hin und weg“ thematisiert.

„Herbert“ nun bestreitet einen anderen Weg. Der Film schafft es ein frustrierend ernüchterndes Bild des Krankheitsverlaufs in einen packendes Drama zu integrieren. Vergleichbar ist das in seiner Herangehensweise vielleicht am ehesten mit „Still Alice“. Das Drama, in dem Julianna Moore als Universitätsprofessorin mit ihrer Alzheimererkrankung zu kämpfen hat. Vielleicht sollte mensch an dieser Stelle auch noch Andreas Dresens „Halt auf freier Strecke“ erwähnen, der einen ähnlich unverstellten Blick auf Krankheit und Leben wirft.

„Herbert“ ist eine intensive Kinoerfahrung, die nicht immer leicht zu ertragen, aber von einer großartigen Performance und einem überragenden Peter Kurth getragen ist. Ein sehenswerter und lohnenswerter Gang ins Kino.

Bewertung: 8 von 10.

Herbert
OT: Herbert
Genre: Drama
Länge: 109 Minuten, D, 2015
Regie: Thomas Stuber
Schauspiel: Peter Kurth, Lina Wendelö, Lena Lauzemis,
FSK: ab 16 Jahren
Verleih: Wild Bunch, Leonine
Kinostart: 17.03.2016
DVD- & BD-VÖ: 07.10.2016

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