Grain – Weizen: Die Suche nach der Krankheit

Dystopisch wird es im Beitrag #16 des #Filmadvent mit „Grain“ von 2018. Der Welt gehen in der Zukunft die Nahrungsmittel aus – zumindest in dem dystopischen Drama „Grain – Weizen“. Acht Jahre nach seinem Berlinale-Gewinner „Bal – Honig“ legte der türkische Filmemacher Semih Kaplanoglu seinen nächsten Film vor. Die internationale Produktion, die auf drei Kontinenten gedreht wurde, besticht mit ihrer visuellen Präsenz verliert sich inhaltlich aber in metaphysischen Betrachtungen, welche die Reise eines engagierten Wissenschaftlers begleiten.

In einer nicht näher bestimmten Zukunft geht den Menschen das Getreide aus. Die gentechnisch gezüchteten Weizen-Varianten degenerieren jeweils nach einigen Generationen und sind nicht mehr in der Lage sich zu vermehren und die Menschheit zu ernähren. Als Angestellter eines Agrarkonzerns forscht der Wissenschaftler Erol Erin (Jean-Marc Barr) über die Ursachen der Getreidekrankheit. Dabei stößt er auf die prophetisch anmutende Prognose des Genetikers Cemil Akman (Ermin Bravo), doch dessen Forschungen sind nicht zugänglich und Akman selbst wurde längst gefeuert.

Erin macht sich zusammen mit seinem Assistenten Andrei (Grigory Dobrigin) auf die Suche nach dem Genetiker. Die Spur führt aus der Stadt, aus dem Anbaugürtel und auch aus der Pufferzone hinaus, die vom verseuchten Ödland durch einen mächtigen elektromagnetischen Zaun abgegrenzt ist. Mit Hilfe einer Umweltaktivistin gelingt es den beiden Forschern den Zaun zu passieren und sich weiter auf die Suche nach Antworten zu machen. Als das Duo den gesuchten Genetiker endlich trifft, muss auch Assistent Andrei zurückbleiben und Erin folgt den Akman auf dessen beschwerlicher Reise durch das Ödland.

Nur die Stadt hat überlebt

Die Story einer eher trostlosen Zukunft hat Filmemacher Kaplanoglu zusammen mit seiner Frau Leyla Ipekci entworfen. In gewisser Weise ist das ruhige Drama ein Roadmovie, das seinen Protagonisten nicht nur auf einem Marsch durch eine zerstörte Welt begleitet, sondern auch dessen inneren Weg zur Erkenntnis protokolliert. Die zunehmende Verödung der Umgebung ist nicht nur Sinnbild für verschwindende Hoffnung, sondern auch für emotionale Entfremdung des Forschers, der sich einst für den Retter der Welt gehalten hat.

In dieser Sinnkrise geht es „Grain – Weizen“ weniger darum, ein Lösung für das Umwelt- und Ernährungsproblem der Menschheit zu skizzieren, sondern darum, einen Grund für das Weitermachen selbst in hoffnungsloser Lage zu liefern. Es verwundert also nicht, dass mit dem Fortschreiten der sowie so schon spärlichen Handlung die religiösen Bezüge und Symbole zunehmen und letztlich scheinbar den Sinn dieser Wanderung darstellen. Allein, das Szenario ist für eine derartige metaphysische Suche keine sonderlich packende Ausgangssituation.

Expedition ins Ödland

Auch „Bal – Honig“ war ein ruhiger Film, der seine Dramatik aber aus der Vater-Sohn-Beziehung schöpfte, die durch ein unvorhergesehenes Ereignis an Dringlichkeit gewinnt. In „Grain – Weizen“ ist keine derartige Dringlichkeit zu spüren, da der Film von Beginn an eine triste graue Welt präsentiert. Nicht umsonst ist „Grain“ in Schwarzweiß gedreht.

Das hat einerseits den Vorteil, dass sich die vermeintliche zukünftige Stadtkulisse leichter verfremden lässt und so zeitlich entrückter wirkt, andererseits bilden die Schattierungen von Grau auch eine formal sehr starke visuelle Komponente in dem existentiellen Drama. Allerdings verliert sich diese in Verlauf des Films. Da sich das Ödland als eben solches präsentiert. Und die Leblosigkeit der Sand-und Felswüste bietet eine ebenso archaische, alttestamentarische Kulisse. Ganz so wie sie der ewigen Suche nach dem Sinn und nach höheren Mächten angemessen scheint. Nur ist das bereits nach rund der Hälfte der zwei Stunden Spielzeit klar. So versandet die cinematische zweite Halbzeit in symbolistischen Gedankenspielereien, die man fesselnd oder nutzlos finden kann.

Eventuell war der Ruhm des Berlinale-Gewinns eine schwere Bürde für den Regisseur Kaplanoglu und er mag versucht haben, dem mit bedeutungsschwangerem Symbolismus entgegenzuwirken. Allerdings ist „Grain“ dann eben auch genauso ausgefallen, wie man das von einem verkopften internationalen Arthaus-Projekt erwarten wurde.

Bewertung: 4 von 10.

Grain – Weizen
OT: Bugday
Genre: Science-Fiction,
Länge: 128 Minuten, TÜR, D, S, 2017
Regie: Semih Kaplanoğlu
Schauspiel: Jean-Marc Barr, Ermin Bravo, Grigoriy Dobrygin, Cristina Flutur,
FSK: ab 12 Jahren
Vertrieb: Piffl, Good Movies, Indigo
Kinostart: 26.04.2018
DVD-VÖ: 09.11.2018

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