Mystery: Lebende Verkehrshindernisse

Aus dem Archiv in dem #Thrillzember: „Mystery“ von 2013. Der chinesische Regisseur Ye Lou genießt international hohes Ansehen, auch aufgrund seiner Konflikte mit der chinesischen Zensurbehörde. 2012 legte er nach fünf Jahren Berufsverbot seinen neuen Film vor: „Mystery“ ist ein clever konstruiertes Thrillerdrama über ein Doppelleben mit tödlichen Folgen.

Zwei ausgelassene Paare liefern sich ein Autowettrennen, doch bei schwierigen Straßen- und Sichtverhältnissen gerät der riskante Spaß lebensgefährlich. Bei der Ausfahrt aus einem Tunnel steht urplötzlich eine Frau auf der Straße, einer der Fahrer kann nicht mehr ausweichen. Die Frau stirbt am Unfallort. Es bleibt die Frage, wie sie dort hin gekommen ist? Der Kommissar Feng untersucht den Fall und muss zunächst einem guten Freund die traurige Nachricht vom Tod der Exfreundin überbringen. Doch einige Umstände des Todesfalles bleiben rätselhaft.

Erst nach diesem Knall, mit dem Ye Lou’s neuer Film „Mystery“ beginnt, entfaltet sich die Handlung: Yongzhao (Qin Hao) ist ein vielbeschäftigter Mann, der mit seiner Frau Lu Yie (Lei Hao) und der kleinen Tochter ein behütetes Leben führt. Er hat eine zeitraubende Arbeit, aber das Familienidyll scheint intakt. Bis Yu Lie an der Schule Sang Qi (Qi Xi), die Mutter eines Mitschülers kennenlernt. Die Frauen freunden sich an und eines Tages, während beide im Cafe sitzen, sieht Yu Lie ihren Mann mit einer jungen Frau in einem Hotel verschwinden. Diese junge Frau ist es, die bei dem gezeigten Verkehrsunfall zu Tode kam. Doch Yongzhao betrügt seine Frau nicht nur, er führt ein Doppelleben mit einer anderen.

Regisseur Ye Lou („Shouzu River“, Love and Bruises”) macht es dem Zuschauer nicht einfach, den Einstieg in seine dramatische Dreiecksgeschichte zu finden. Die Zeitebenen werden nicht explizit voneinander getrennt und erst allmählich wird deutlich, dass der an den Beginn gestellte Unfall eigentlich der traurige Schlusspunkt eines Liebesverrats ist.

Ein Doppelleben

Die Kamera ist häufig direkt an den Charakteren dran, schaut ihnen in unruhigen und aufgewühlten Bildern über die Schulter oder beobachtet wie ein Voyeur aus ungewohnten Blickwinkeln. Beide Elemente, Erzählzeiten und Kameraführung, sind dramaturgisch eindrucksvoll eingesetzt. Nach und nach erst entfaltet sich das ganze Ausmaß der Tragödie die Yu Lie in den erzählerischen Vordergrund stellt. Sie entdeckt das geheime Leben ihres Mannes und muss damit fertig werden. In einer Gesellschaft wie der chinesischen, die sehr in traditionellen Werten verhaftet ist, kein leichtes Unterfangen.

„Mystery“ ist ein intelligenter Thriller, der ohne Action auskommt und seine Wirkung und seine Intensität vor allem aufgrund der psychologischen Figurenaufstellung gewinnt. Es sind maßgeblich die beiden tragenden Frauenrollen, die „Mystery“ wirklich sehenswert machen. Aufgrund des fünfjährigen Berufsverbots des Regisseurs liegt es nahe, den Film auch als Systemkritik am chinesischen Regime zu lesen. Doppelleben, Bespitzelung, Vertrauensverlust und Revolte sind die Ansatzpunkte für eine solche Lesart. In wie weit der Zuschauer dem folgen mag, sei jedem selbst überlassen. Vor allem ist „Mystery“ ein sehr sehenswerter dramatischer Thriller.

Mit „Mystery“ feiert der renommierte chinesische Filmmacher Ye Lou ein sehenswertes, und in Asien vielbeachtetes Comeback nach den staatlich verordneten Auszeit.

Film-Wertung: 6 out of 10 stars (6 / 10)

Mystery
OT: Fu Cheng Mi Chi, RCA, 2012
Genre: Thriller, Drama
Länge: 98 Minuten, R
Regie: Ye Lou
Dartsteller:innen: Lei Hao, Qin Hao, Xi Qi,
FSK: ab 16 Jahren
Vertrieb: Alamode, Alive
Kinostart: nicht in Deutschland
DVD-VVÖ: 16.08.2013

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