Luchadoras: Frauenpower

Der deutsch-mexikanische Dokumentarfilm „Luchadoras“ begleitet drei Wrestlerinnen, die in der gefährlichsten Stadt der Welt leben: Ciudad Júarez an der mexikanisch-us-amerikanischen Grenze. Seit Jahrzehnten ist die Stadt berüchtigt für ihre Frauenmorde, seit Jahrzehnten hält die Mordserie ungehindert an. Als Frau ins Rampenlicht zu treten ist auch ein Statement. Im Kino ab dem 10. März 2022.

Während ein Bus mit Arbeiterinnen in der Dämmerung durch Ciudad Júarez fährt, erzählt eine Stimme aus dem Off eine typische Geschichte aus der Stadt. Eine junge Frau arbeitet in einer der Fabriken in der Wüste nahe Juarez und eines Abends nimmt der Busfahrer einen anderen Weg. Er fährt in die Wüste, misshandelt die Frau und droht ihr mit dem Tod, falls sie etwas sagt. Angst und Scham und eine lange Zeit unaufgeklärter Morde bringen die Frau dazu zu schweigen und mit der Misshandlung zu leben.

Auch die Wrestlerin Lady Candy hat Erfahrung mit häuslicher Gewalt. Inzwischen ist die 23jährige Mutter, die ein einem Bestattungsunternehmen arbeitet, geschieden. Aber ihr Ex-Mann lebt mit den Kindern in El Paso, jenseits der Grenze und verweigert Lady Candy seit einem halben Jahr ihre Kinder zu sehen oder zu sprechen.

Die Wrestlerin Baby Star blickt bereits auf eine erfolgreiche Wrestling-Karriere in Mexiko City zurück, aber eine Schwangerschaft unterbrach das Schaukämpfen. Seit eingen Jahren arbeitet Baby Star erfolgreich an ihrem Comeback und auch ihre junge Schwester steigt in den Showsport ein.

Die kleinwüchsige Wrestlerin Mini Sirenita hat sich als alleinerziehende Mutter mit schlecht bezahlter Fabrikarbeit durchgeschlagen. Nun ist sie selbst Großmutter und steigt mit den Luchadores in den Ring. Auch Sie träumt davon, in der Hauptstadt kämpfen zu können.

Der Dokumentarfilm „Luchadoras“ (spanisch für Kämpferinnen) begleitet die drei „Lucha libre“-Kämpferinnen eine Zeit lang im Alltag und bei der Ausübung ihres Sports. Die Luchadores in Ciudad Júarez begreifen sich auch als Aktivistinnen und machen bei Demos und Aktionstagen auf die nach wie vor anhaltenden Frauenmorde aufmerksam.

Die Regisseur:innen Paola Calvo und Patrick Jasim verknüpfen in ihrer sehenswerten Doku, die im Stil des Direct Cinema gehalten ist, das exotisch anmutende Schaukämpfen, das in Mexiko sehr beliebt ist, mit der verstörenden Tatsache, dass Ciudad Júarez seit 1990 gerade für Frauen eine der gefährlichsten Städte der Welt ist.

Dabei folgt die Doku vor allem den Luchadores, und die beklemmenden Infos und die bedrückende Atmosphäre in der Stadt werden beinahe nebensächlich eingestreut. Sei es durch Fernseh- oder Radio-Nachrichten, sei es durch eine gerade geschehene tödliche Schießerei, sei es durch Geschichten, die die Frauen sich erzählen. Wenn es dann bei Demos, im Kampftraining oder bei Aktionstagen konkret wird, verquicken sich die beiden Ebenen des Films und es entstehen Momente, in denen die weibliche Selbstermächtigung kraftvoll sichtbar wird.

Anders als viele Dokus legt „Luchadores“ keinen Wert darauf möglichst spektakulärer Bilder der Wrestling-Duelle zu liefern sondern hält alles in einem unaufgeregten, ja vermeintlich schlichten, alltäglichen Beobachtungsstil. Für das zugrundeliegende Thema der Femizide ist das durchaus passend, aber insgesamt kommt „Luchadores“ recht unaufgeregt auf die Leinwand.

Das entspricht sicher der Alltäglichkeit der drei Protagonistinnen und einer grundsätzlichen filmischen Entscheidung. Es stellt sich bloß die Frage, ob es gerade gut ist, dass „Luchadores“ so unaufgeregt und alltäglich angelegt ist, oder ob es bei der Annäherung an das Thema, die Situation und die zentralen Gestalten der Doku nicht sinnvoller gewesen wäre, expliziter zu werden. Zudem fehlt es gelegentlich an Orientierung, weil strikt gezeigt und eben nicht kommentiert und erläutert wird.

Nicht jede:r Zuschauer:in ist mit dem Phänomen der jahrzehntelangen Femizide in Ciudad Juarez vertraut und allein der dargestellte Alltag der drei Luchadores zeugt nicht von der Brutalität und Frauenfeindlichkeit der Umgebung. Die Doku zeigt ohne Zweifel ein Leben in ärmlichen Verhältnissen und dass Frauen diesen Problemen stärker ausgesetzt sind und es schwerer als Männer haben sich durchzuschlagen. Gäbe es die eingestreuten Nachrichtensplitter und Aktionen nicht, Zuschauer:innen könnten missverstehen, es ginge vor allem um den Showsport „Lucha libre“.

Und dennoch bleibt die Beklemmung und die Gewissheit, dass in der mexikanischen Grenzstadt nach wie vor Frauen verschwinden, misshandelt und getötet werden, ohne dass jemals Täter sichtbar werden. Die Theorien dazu sind so vielfältig wie die Zahl der vermissten Frauen unglaublich ist. Unglaublich ist auch, dass über Jahrzehnte keine Ermittlungserfolge erzielt werden. Viele Einwohner mutmaßen, dass auch die Behörden in die Frauenmorde verwickelt sind.

Die gängigsten Theorien zu dem andauernden Femizid machen allgemeinen Frauenhass und Machismo in der mexikanischen Kultur ebenso verantwortlich wie die prekären Arbeitsverhältnisse der abgelegenen Fabriken, die sich aufgrund des NAFTA-Abkommens ansiedelten und die Arbeiterinnen auf dem Weg zur Arbeit extrem gefährden. Auch Serienkiller werden nicht ausgeschlossen und letztlich ist auch der Drogenhandel der brutal agierenden mexikanischen Kartelle ein möglicher Grund in Grenznähe potentielle Zeuginnen verschwinden zu lassen.

Beispielhaft für mutige Frauen in dieser bedrohlichen und feindlichen Umgebung machen die drei vorgestellten Wrestlerinnen ein starkes Statement für weibliche Selbständigkeit und Unabhängigkeit, die im Grunde genommen einfach nur Menschenrechte sind, die in Ciudad Júarez alltäglich bedroht sind. „Luchadores“ ist ein sehenswerter und starker Film, der mit ruhiger Kraft auf einen zum Himmel schreienden Missstand aufmerksam macht.

Film-Wertung: 7 out of 10 stars (7 / 10)

Luchadoras
OT: Luchadoras
Genre: Dokumentarfilm, OmU
Länge: 92 Minuten, D/MEX, 2021
Regie: Paola Calvo, Patrick Jasim
Mitwirkende: Lady Candy, Baby Star, Mini Sirenita
FSK: ab 12 Jahren
Vertrieb: Missing Film
Kinostart. 10.03.2022

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