Everybody’s Everything: Lil Peep

Der US-amerikanische Rapper und Hip-Hop Künstler Lil Peep war gerade dabei durchzustarten und den musikalischen Underground mit seiner einzigartigen musikalischen Mischung aus Hip-Hop, Punk und Trap als er an einer Überdosis Medikamente 2017 verstarb. 2019 entstand als Projekt beim SXSW-Festival eine Doku über das kurze aber einflussreiche Leben des Gustav Elijah Åhr aka Lil Peep. Studio Hamburg hat die Doku nun mit deutschen Untertitel auf Blu-ray für das klassische Home-Entertainment veröffentlicht.

Trap, EDM, Emo, Post-Punk, Low-Fi-Rap, Soundcloud-Hop geschreddert zu einem neuen musikalischen Stil, ebenso catchy und vordergründig melodiös wie hintergründig verstört wie verzerrt. Da kommt Musik aus dem Netz, die schon anders und virulent ist, sich aber auch in Ohr und Hirn festbrennt mit ihrer fast schmalzigen Melodik. Textlich beinahe als Antithese angelegt werden scheinbar schonungslos Ausschweifungen und ein Lifestyle weit jenseits des Alltäglichen zelebriert.

Lil Peep und seine unterschiedlichen Weggefährten, seine Posses legen eine Attitude an den Tag, die tough und konsequent sein soll. Da hat sich eine Underground-szene entwickelt, die fernab des Musikbusiness scheinbar auch auf Unabhängigkeit, auf Community und vor allem auf Social Media setzt, um ihr eigenes Erfolgsmodell zu etablieren.

Das scheint so obskur wie die Doku „Everybody’s Everything“ auf den ersten Blick halbgar, unausgereift schäbig und schnell zusammengeschustert wirkt. Dabei hat der Style Methode, ebenso wie es bei Lil Peep und Konsorten Absicht war, zu verschrecken. Sich mit bewusst trashigen Gesichtstattoos jede Möglichkeit auf einen „normalen“ 08/15 Job auf soziale Integration von Anfang an zu verbauen, kann der Mensch als krasse Hingabe an die eigenen Idee und das eigene Künstlersein auslegen. Oder aber die gesellschaftliche Norm des gepflegten Äußeren ist so altbacken wie der Rezensent dieser Zeilen. Vielleicht ist es jungen Leuten, oder einer gewissen Szene, heutzutage einfach gleichgültig wie die Konsequenzen einer bestimmten Optik sind.

„Er hatte große Pläne. Er wollte den Kapitalismus aus dem Musikbusiness verdrängen.“

Punk hat sich seinerzeit auch auf diese Art gefeiert. Aber wo sind heute noch Grenzen, die Jugendliche noch Überschreiten können. Wo in all der liberalen Freiheit und der kapitalistischen Ich bin meine eigene Marke Mentalität liegt, selbst in der us-amerikanischen Bigotterie und der Cancel Culture noch ein Potential zum schockieren. Eben in der gesellschaftlichen Totalverweigerung. Diesen Entwurf anarchische Boheme zu nenne, wenn sich die Posse um Lil Peep in Los Angels Skid Row ein versifftes Loft teilt und dort in Endlosschleife mehr oder minder zugedröhnt Kreativ-Party feiert, immer alles filmt, fotografiert, taped und unreaheased online posted ist durchaus zwiespältig.

In der Doku schwerer zu verdauen ist die verbale Beschränktheit des allumfassenden Szeneslangs, der kaum über Fäkalsprache und Gefluche hinauskommt, das je nach Satzstellung und Tonfall vollkommen anders interpretiert werden kann. Glücklicherweise übernehmen die Untertitel das weitgehend. Während der Interviews, die als Bonus-Material enthalten sind, legen die Gesprächspartner auch differenzierteren Ausdruck an den Tag.

„Ich wäre gerne alles für jeden.“

Wenn junge Leute sterben ist das immer besonders tragisch, weil jede:r meint, da wäre (rein statistisch) so viel Lebensspanne verloren, da wäre noch so viel ungenutztes Potential verschwendet und so viel möglich gewesen. All das bleibt im Fall von Gustav „Gus“ Elijah Åhr ebenso unbeantwortet wie einst bei Ami Winehouse. Ein bestimmter Lebensstil, Missbrauch von Betäubungsmitteln und Medikamenten trifft auf eine bestimmte psychische und soziale Konstellation und Dinge geraten außer Kontrolle, geraten aus dem Ruder bis das Boot kentert und jemand auf der Strecke bleibt.

Musik-Fans, Zeitungsleser:innen und (Doku-) Zuschauer:innen können nicht wissen, was da abgelaufen ist, was in dieser modernen Musiker-Legende Fakt, was Fiktion ist, es bleibt ein Drama, ein Rätsel, ein allzu schmalen musikalisches Vermächtnis. Und eine Doku, die zwar ihre Momente hat und so überbordend amateurhaft rüberkommt, mit all den schlecht gefilmten Mobilfon-videos und Schnippseln, mit der schredderigen Soundqualität der Gigs und zuhause aufgenommenen Songs und Tracks. Das alles ist ein nie enden wollendes Mixtape, das abbildet und gelegentlich durch „normale“ Talking Head Interviews unterbrochen wird. Ein amerikanischer Journalisten-Kollege nannte das „die Inseln geistiger Gesundheit in einer Flut von Ausschweifungen“. Gus selbst redet kaum einmal direkt mit einer Kamera, die ihn gerade aufnimmt, scheint keine Interviews gegeben zu haben und wirkt dadurch ebenso abwesend wie auf seine Kunst fokussiert. Aber das muss sich ja nicht ausschließen.

Unterm Strich ist „Everybody’s Everything“ eine anstrengende Angelegenheit: kein wirklich guter Film, schlechte Bildqualität, keine gelungenen Annäherung an den Künstler Lil Peep. Aber die Doku bildet ausgesprochen lebendig eine krude Undergroundszene ab. Mit ihrem Selbstverständnis und ihrer Attitüde zwischen Selbstzerstörung und Selbstvermarktung krempeln junge Musiker hier nicht nur das Business um. Da steckt Wucht drinnen.

Film-Wertung: 6 out of 10 stars (6 / 10)

Everybody’s Everything: Lil Peep
OT: Everybody’s Everything: Lil Peep
Genre: Doku, Musik, Biografie
Länge: 115 Minuten, USA, 2019
Regie: Sebastian Jones, Ramez Sylvian
Mitwirkende: Lil Peep, Liza Womack, Ghostemane,
FSK: Ab 16 Jahren
Vertrieb: Studio Hamburg,
BD-VÖ: 19.02.2021

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