Der letzte Zeitungsleser: Ode an den Lokalteil

Der-Letzte_Zeitungsleser-vorschauDer amerikanische Autor Tim Robbins begann seinen Roman „Pan Aroma“ mit Ausführungen über Rote Beete und mit dem ukrainischen Sprichwort: „Eine Geschichte, die mit einer Roten Beete anfängt, endet mit dem Teufel.“ Das gibt selbstredend wenig Aufschluss, wohin die literarische Reise führt, wenn Autor Michael Angele seinen Essay „Der letzte Zeitungsleser“ mit dem österreichischen Autor und Dramatiker Thomas Bernhard beginnt.

Aber gerade das freie Flanieren der Gedanken macht die literarische Form „Essay“ so wunderbar, so wandelbar und auch so kurzweilig. Ausgehend von einem Grundthema entwickelt der Autor Thesen und Gedankenspiele, unterfüttert diese mit Beobachtungen aus Alltag und Literatur und kreist dabei um sein Thema, das immer in Sichtweite bleibt und den geneigten Leser doch in Gefilde  entführt, die er anfangs nicht erwartete. Der Philosoph Ralph Waldo Emerson (1803 – 1882) schrieb brillante Essays, die immer noch zum großartigsten gehören, was diese literarische Gattung hervorgebracht hat. Ich weiß gar nicht genau, ob die in deutscher Übersetzung gerade lieferbar sind?

„Jener unauffindbare Leserbrief war natürlich ein Signal an die Welt.“ (Der letzte Zeitungsleser)

Wie auch immer: Die Zeitung – vor allem die Tageszeitung – als Medium, als haptisches, analoges Bündel aus bedruckten Seiten wird seit Jahren, ja seit Jahrzehnten, totgeredet oder zumindest siechend auf der Halde der (Medien-)Geschichte abgeladen. Was aber passiert mit den Konsumenten, den Zeitungslesern? Eine Frage, der der Journalist Michael Angele, stellvertretender Chefredakteur der Wochenzeitung „Der Freitag“ in seinem kleinen, aber feinen Aufsatz nachgeht. Irgendwo zwischen gedruckten monatlichen Fachmagazinen, Newskonsum im Internet und kostenlos erhältlichen Stadtteilmagazinen verbergen sich die vermeintlichen zukünftigen Nischen einer Leserschaft, der die Existenzgrundlage auszugehen scheint und mit ihr auch ein gewisser Lifestyle – etwas Kosmopolitisches gerät in den Hintergrund.

Dabei geht es frei flottierend von Recherchen über Thomas Bernhards angeblich zwanghafte Zeitungslektüre, über eigene Urlaubserinnerungen, über Orte, Zeiten, Menschen und Momente nicht nur um das Information-Medium und seine  sehr unterschiedliche Leserschaft, sondern vor allem um das Verschwinden eines Stückchens Kultur und Lebensqualität. Denn die Option auf eine Zeitung ist auch die Option, sie nicht zu lesen. Das gilt gleichermaßen für Leser anspruchsvoller Wochenblätter wie die Leser der regionalen Tageszeitung. Die Beispiele prominenter Zeitungsleser enden dabei nicht mit Bernhard, sondern auch Franz Xaver Kroetz und Joe Strummer.

„Und noch eine Zeitung die ich nicht gelesen habe.“ (Der letzte Zeitungsleser)

Nebenbei bemerkt ist das kleine Büchlein, das bei Galiani erschienen ist auch noch wunderbar aufgemacht. In aufgeräumten Seiten lässt sich gut stöbern und die wenigen Abbildungen sind ebenso schön gewählt wie der Schutzumschlag in Form eines Zeitungstitelblattes.

Glücklicher Weise geht es dem Autor Michael Angele dabei weder um kulturpessimistische Stimmungsmache, noch darum die eigene Journalisten-Existenz zu retten oder zu rechtfertigen, sondern stattdessen werden auf literarisch sehr unterhaltsame und auch kluge Weise Befindlichkeiten, Eigenheiten und Auswüchse des Zeitungslesen betrachtet. Auch kommt der Tageszeitung von gestern noch eine längst fällige Ehrenrettung zu.  Und um den Kreis zur Einleitung zu schließen, ein Buch, das mit Thomas Bernhard beginnt endet mit Claus Peymann. Hätte man auch drauf kommen können.

„Der letzte Zeitungsleser“ kann man auch zur Hand nehmen, wenn die Tageszeitung aus welchen Gründen auch immer nicht zur Verfügung steht. Die Lektürezeit entspricht in etwa dem ausgedehnten täglichen Zeitungskonsum und kann auch gerne gelegentlich wiederholt werden, denn das eine oder andere Detail, hat man dann doch schon wieder in den Gedanken verlegt.

Book Rating: ★★★★★★★★★☆ 

Der-Letzte_ZeitungsleserDer letzte Zeitungsleser
Autor: Michel Angele
Genre: Essay
ISBN: 978-3-86971-128-7
Verlag: Galiani, gebunden, 160 Seiten,
VÖ: 11.08.2016

 

Der letzte Zeitungsleser bei Galiani (incl. Lesungsterminen)

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