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Stoker – Die Unschuld endet: Der lächelnde Fremde

23.02.18 (Film)

Weil ich vor ein paar Tagen die Rezension zu „I’m A Cyborg, But That’s OK“ online stellte, habe ich gleich weiter in meinem Archiv gekramt und mir noch mal Park Chan-wooks Hollywood-Ausflug von 2013 angeschaut: „Stoker – Die Unschuld endet“. Der erste (und wohl auch einzige) Hollywood-Film des koreanischen Regisseurs Park Chan-wook ist ein Mystery-Thriller geworden: Mia Wasikowska, Nicole Kidman und Mathew Goode beleben das Familienmysterium, das einige viktorianische Anklänge aufweist, obwohl es in heutiger Zeit spielt.

India Stoker (Mia Wasikowska) ist gerade 18 geworden und muss mit dem Unfalltod ihres Vaters fertig werden. Die nervöse Mutter Evelyn (Nicole Kidman) ist dabei keine große Hilfe, denn sie hatte noch nie ein inniges Verhältnis zu ihrer Tochter. India ist ein Vaterkind und war schon immer etwas eigenwillig. Die hochintelligente, junge Frau ist eine Einzelgängerin und ihre Wahrnehmung auf seltsame Weise übersteigert.

Nach der Beerdigung taucht aus heiterem Himmel Indias Onkel Charlie (Matthew Goode) auf. India, die bis dato überhaupt nicht wusste, dass sie überhaupt einen Onkel hat, ist genauso überrascht wie Evelyn, die ihren Schwager auch noch nie zu Gesicht bekommen hat. Der charmante junge Mann lädt sich sehr zu Evelyns Freude quasi selbst in den herrenlosen Haushalt ein. Charlie versucht eine Beziehung zu seiner Nichte aufzubauen, India ist verstört und fasziniert zugleich.

Es hat den „Oldboy“-Regisseur also nach Hollywood verschlagen. Glücklicherweise hat er seinen Kameramann Chung Chung-Hoon gleich mitgenommen. „Stoker“ erzählt eine Geschichte vom Erwachsenwerden, von jugendlichen Schwärmereien und einer dysfunktionalen Familie. Das Drehbuch zu „Stoker“ stammt von Schauspieler Wentworth Miller („Prison Break“), der jahrelang daran gefeilt haben soll, doch gerade die Geschichte hat so ihre Macken.

Letztlich läuft es darauf hinaus, dass das Auftauchen eines Fremden die zurückgezogen lebende Familie in seinen Bann zieht. Das erinnert an klassische Mystery-Themen und es werden etliche Bezüge zur viktorianischen Epoche hergestellt. Die Verknüpfung von Eros und Tod höchstselbst hatte im viktorianischen Zeitalter ihre Hochphase.

Park Chan-wook schafft eindrückliche, verstörende und zugleich bezaubernde Szenen, eine bedrohliche, spannungsgeladene Atmosphäre. Der Mittelpunkt dieses Universums ist India, die von Mia Wasikwska („Restless“) mit der ihr eigenen ätherischen Entrücktheit dargeboten wird. Leider muss sie den Film darstellerisch über weite Strecken tragen, da Nicole Kidman und Matthew Goode kaum Akzente setzen können und in ihren Rollen zu erstarren drohen.

Vor allem die grandiose Kameraarbeit von Chung Chung-Hoon macht „Stoker“ meisterhaft. Schon bei „Oldboy“, „I’m a Cyborg…“ und „Durst“ hatte der Kameramann die Vision des Regisseurs umgesetzt. Und auch in „Die Taschendiebin“ setzt der Regisseur wieder auf den bewährten meisterhaften Kameramann. „Stoker“ erzeugt zwar auch durch die originelle Betonung der Soundeffekte und Geräusche, die auf Indias übersteigerte Wahrnehmung zurückgehen, Gänsehaut, aber es ist vor allem die Optik, die den Mystery-Thriller aus dem Gros des Genres herausstechen lässt.

In gewisser Weise fügt sich „Stoker“ in Park Chan-wooks Gesamtwerk ein, andererseits fällt der aktuelle Hollywood-Film aber definitiv auch aus seinem Oeuvre heraus. Für die amerikanische Filmlandschaft ist das in jedem Fall eine Bereicherung, für den Regisseur zumindest ein Wagnis.

„Stoker“ reicht letztlich nicht an Park Chan-wooks große, originelle Visionen „Oldboy“, I’m A Cyborg“ und „Durst“ heran.. „Stoker“ bliebt dennoch ein ganz gelungener Mystery-Thriller: Die Geschichte hat durchaus Längen, aber die Inszenierung ist sehr atmosphärisch.

Movie Rating: ★★★★★★☆☆☆☆ 

Stoker – Die Unschuld endet
OT: Stoker
Genre: Thriller, Drama, Mystery, Romance,
Länge: 99 Minuten, USA, 2013
Regie: Park Chan-Wook
Darsteller: Mia Wasikowska, Mathew Goode, Nicole Kidman
FSK: ab 12 Jahren
Vertrieb: 20th Century Fox
Kinostart: 09.05.2013
DVD- & BD-VÖ: 20.09.2013

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