Auf der Eichenfarm an der Kieler Förde werden rockige Bluestöne geerntet. Die werden dann zu schmackhaften Leckereien verarbeitet und eingetütet. Falls die geneigte Hörerschaft nicht gerade auf dem Wochenmarkt der Livemusik über den Oakfarm-Stand stolpert, hat das Trio ein neues Album eingetütet, das für einige möglicherweise zu hart, für andere wiederum zu weich erscheinen mag. „Too Hard for Some, Too Soft for Others“ lädt zur Kostprobe ein.
Was genau ist eigentlich der Unterschied zwischen Vintage und Retro? Ich habe mir mal sagen lassen, retro wäre neu, aber auf alt gemacht, vintage hingegen hat schon die entsprechende Strecke auf dem Tacho, wurde aber aktuell wieder hervorgekramt. Insofern bleibt unbesehen fraglich, ob Oakfarm auf alter Hardware klöppeln oder moderne Technik zu nutzen wissen. Die so entstandenen Sounds sollen sich anhören wie 70er-Jahre-Bluesrock. Geboten wird hier also Bluesrock, der gefällt und mitreißt. Wen schert da noch die Begriffsklauberei?
Ich bezweifle ganz stark, dass Oakfarm Kilometer auf der Autobahn abgerissen haben, ohne Eindruck zu hinterlassen oder irgendwas zu gewinnen. Der Opener „3000 Miles (and nothing gained)“ stellt allerdings die (fiktive und/oder autobiografische) Frage, was die ganze Tourerei letztlich so zum Broterwerb und zur Sinnfindung im Leben eine:r Musiker:in beiträgt. Gerade in aktuellen Zeiten, in denen es gerade für weniger bekannte Bands immer häufiger wird, gut besuchte Konzerte zu spielen, darf mensch sich schon mal die Sinnfrage stellen.
Snickers oder Jaffa Cake?
Spätestens, wenn die fuzzverzerrte Gitarre aber zu hypnotischen Läufen ansetzt, geht’s nicht mehr um Textwerte, sondern um die Beweglichkeit im hüftsteifen Herbst. Und das bleibt dann auch so. Selbst wenn der nächste Song eine Ballade ist. Der klare, helle Gesang von Tobias Lemberger, der auch die Gitarre spielt, drückt dem Song seinen Stempel auf.
„Lucy“ geht dann etwas mehr in Stoner-Rock-Gefilde und punktet mit einer gewissen Grundspannung, die sich im Songverlauf auch entlädt. Der Titelsong spielt bereits mit dem irgendwie dusseligen Albumtitel: „Too soft for some, too hard for others“. Je nu, dann mal andersherum. Es wird nicht sinnstiftender. Wer so kompakt rockt und so atmosphärisch vorträgt und mitreißend Melodeien findet, kann das eigene Werk auch selbstbewusster betiteln. Geiler Song, aber mit jaulender Klampfe.
„Oakpop“ definiert dann klassisch hardrockend und mit texas-bluesigem Riff, was das Kieler Trio für poppig hält. Möglicherweise waren frühe Europe oder Def Leppard heavier, aber erneut: wen schert’s? Das ist ein guter, eingängiger Song. Vielleicht die originellste Kerze auf dem Oakfarm-Küche, aber flott. „Don’t Fade Away“ schließt sich an. Beginnt verhalten, geht fix rockig ab. Ebenfalls solide.
Geh mir nicht auf die Nüsse mit Orangenmarmelade.
Und dann kommt mein Lieblingslied auf der Platte. Ich bin ein schlichtes Gemüt: Ich mag Tribal TomToms, ich mag Palm-Muted-Riffing und ich mag’s hypnotisch (oder auch monoton). Anpassungen wurden gemacht. „Adjustments“ machen mich glücklich! Das abschließende „Now & Then“ kloppt nochmal alles raus, was Oakfarm musikalisch so zu bieten haben: balladesker Beginn, starke Songdynamik, furioses Finale und einen Hidden Track (auf der CD), da fühlt mensch sich schon nostalgisch in die musikalisch gute alte Zeit versetzt, wann auch immer das für jede:n ist.
Oakfarm sind nicht zuletzt so gut, weil die Rhythmustruppe so stark zusammenspielt. Das ist auch nicht weiter verwunderlich, denn vor Oakfarm gab es Bone Man. Ebenfalls ein Trio aus Kiel, aber heavier und rockiger unterwegs – und ebenfalls mit Denis Oelze am Schlagzeug und Arne Döpper am Bass. Doch das ist auch schon lange her. Oakfarm haben 2024 ihr gleichnamiges Debütalbum veröffentlicht. Da habe ich zu Vergleichszwecken nur kurz bei Bandcamp reingehört. Musikalisch ist das noch ein bisschen wilder, nicht immer nur zum Vorteil, und die Produktion kommt noch nicht so Hi-Fi-rüber. Das hat auch seinen Charme, aber „Too Hard for Some“ markiert definitiv eine Weiterentwicklung und mehr Stilsicherheit für Oakfarm.
Es ist immer wieder überraschend, dass klassischer Bluesrock auch heute noch mitzureißen weiß, wenn mit ausreichendem handwerklichem Geschick und gehöriger Portion Herzblut vorgetragen. Live geht das sowieso runter wie Öl. Vom Hören habe ich kein Karies bekommen. Oakfarm sind gekommen, um zu bleiben, und so hard oder soft, wie sie eben gerade wollen. Kann mensch auch aktuell auf der Bühne erleben. Gerade an die Traditionalisten gerichtet, sage ich mal: Antesten bitte.
8 von 10
Oakfarm: Too Hard For Some, Too Soft for Others
Genre: Blues Rock,
Länge: 35 Minuten 8 tracks, D, 2026
Interpret: Oakfarm
Label: Pink Tank Records
Format: CD, digital, Vinyl
VÖ: 02.10.2026
Oakfarm bei Pink Tank records
Bandcamp mit Oakfarm
Oakfarm auf Instagram
