La Gioia: Wenig Freude im tristen Turin

Der Traum vom schnellen Geld und sorgenfreiem Reichtum hat schon so manchen ins Verbrechen getrieben. Der Schüler Alessio weiß um seinen Charme und nutzt ihn auch zu seinem Vorteil. In der altjüngferlichen Lehrerin Gioia findet er ein Opfer für seine Manipulationen. Busch Media Group veröffentlicht die True-Crime-Story Anfang September als Home-Entertainment-Premiere.

In Turin bringt der Schüler Alessio (Saul Nanni) seinen Unterricht gelangweilt und gleichgültig hinter sich. Der junge Mann lebt noch mit seiner alleinerziehenden Mutter Carla (Jasmine Trinca) zusammen, die als Kassiererin im Supermarkt arbeitet und der langsam verblassenden Schönheit mit plastischer Chirurgie entgegenwirken will. Bezahlen soll das Cosimo (Francesco Colella), ihr Bruder. Doch der Friseur hat ganz anderes im Sinn: Er ist vernarrt in den Neffen, mit dem er eine Affäre hat und den er auch an seine Kundinnen weitervermittelt. Doch Alessio wird zunehmend unabhängiger und will als Modell hoch hinaus.

Eines Tages wird er auf die Französischlehrerin Gioia (Valeria Golino) aufmerksam, die mit Mitte vierzig immer noch unverheiratet ist und bei ihren Eltern lebt, die inzwischen Unterstützung im Haushalt brauchen. Mit dem Vorwand, Französisch-Nachhilfe zu brauchen, wickelt Alessio die einsame Lehrerin um den Finger. Eines Tages bittet er Gioia, mit ihm nach Südfrankreich durchzubrennen, er brauche für sein Business zwar einen Haufen Startkapital, aber das werde schon klappen.

„Die Angst ist eine wirklich gefährliche Angelegenheit für Weicheier.“ (Alessios Lehrer)

So richtig viel Freude (italienisch gioia) empfindet Gioia eigentlich nur als Juve-Fan. Doch selbst wenn sie mit den Eltern gemeinsam vor der Glotze sitzt, kommt nur verhaltener Jubel an die Oberfläche. Die Lehrerin lebt sehr zurückgezogen und hat außer einer Kollegin eigentlich keine Bekannten und Freunde, dazu ist sie im elterlichen Haushalt viel zu sehr eingespannt.

Als Alessio dort erstmals auftaucht, ist die Mutter sogleich misstrauisch und identifiziert den Kerl als Taugenichts und Kriminellen. Nur um dann später ebenfalls seinen Komplimenten zu erliegen. Alessio wiederum erkennt schnell, dass Gioia für ihre Eltern kaum mehr als eine billige Pflegekraft und Haushaltshilfe ist.

Doch auch in seinem Alltag geht es gefühlskalt und distanziert zu. Die Mutter ist derart mit sich selbst beschäftigt, dass ihr die Prostitution ihres Sohnes verborgen bleibt. Sie freut sich über die hingeblätterten zusätzlichen Euros, die Alessio beisteuert. Doch der Preis ist hoch. Cosimo in seiner oberflächlichen Gier und Lüsternheit verführt den Schüler nicht nur, sondern lässt ihn sich auch als Lustknaben anbieten.

Der schlicht gestrickte Alessio hält Aussehen und sein vermeintliches Charisma für Grundlage genug, um damit den Traum vom schnellen Ruhm zu verwirklichen. Gioia ihrerseits ist nicht in der Lage zu erkennen, dass sie von dem jungen Mann nicht geliebt, sondern ausgenutzt wird. Beiden Protagonisten fehlt es an emotionaler Erfahrung, um mit der Welt um sich herum klarzukommen. Die Dinge nehmen ihren tragischen Lauf.

Treppenhäuser als taumelnde Strudel

Regisseur Nicolangelo Gelormini inszeniert „La Gioia“ nach einem Theaterstück, das auf einem realen Fall beruht. Die italienische Wikipedia weiß vom Mord an einer Lehrerin und wer mag, kann selbst in Sachen Mord an Gloria Rosboch recherchieren. Der Film „La Gioia“ ist dabei weniger Thriller oder Kriminalfall als präzise beobachtetes Psychogramm zweier Außenseiter, die sich auf tragische Weise treffen. Das Drama ist durchaus sehenswert besetzt und weiß mit tristen, kalten Farben und gelegentlichen Architektur-Aufnahmen eine tragische Stimmung zu erzeugen.

Allerdings fehlt es „La Gioia“ komplett an Erzähltempo und an Dynamik. Wer hier auf thrillerartige Spannung hofft, wartet vergeblich. Stattdessen entwickelt sich die Abwärtsspirale, wie das Publikum es erwarten durfte, und so bleiben denn auch die Überraschungsmomente arg überschaubar. Sogar die vermeintlich verruchten Szenen, in denen Alessio sich verkauft, als Lustknabe oder als Travestiekünstler mit eigenwilliger Aftershow-Party, wirken auf gewisse Weise farblos und flach.

Tatsächlich gibt es einen sehenswerten Moment magischen Realismus, der bereits auf dem Plakat zu erkennen ist. Im Wald klettert Alessio auf einen Baum und Gioia tut es ihm nach. Und währenddessen küsst er sie und alle Türen in Gioias Leben schlagen plötzlich auf. Da wird Energie freigesetzt. Leider geht es anschließend ebenso grautönig weiter wie zuvor.

„La Gioia – süchtig nach dir“ kommt zwar als True-Crime-Story daher, verspielt trotz sehenswerter Besetzung aber schnell viel Potenzial, einfach deshalb, weil der Film – ebenso wie die ältere Lehrerin – nicht aus dem Quark kommt. Schade eigentlich.

5 von 10

La Gioia – Süchtig nach dir.
OT: Gioia
Genre: Drama, Krimi
Länge: 108 Minuten, I, 2025
Regie: Nicolangelo Gelormini
Schauspiel: Valeria Golino, Francesco Colella, Saul Nanni
FSK: ab 16 Jahren
Verleih: Busch Media Group
Kinostart: nicht in Deutschland
Digital-VÖ: 03.09.2026
DVD- & BD-VÖ: 03.09.2026

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