Im Sommer wohnt er unten: Urlaubsstress und Familie

Anlässlich des Kinostarts von „Hiddensee“ gibt es in dieser Woche im #Sommerkino26 deutsche Filme, heute: „Im Sommer wohnt er unten“ von 2015. Urlaub und Ferien sollen für die meisten Menschen ja zur Erholung herhalten. Oder aber dazu, fremde Städte und Kulturen zu entdecken. Das klappt nicht immer. Gerade wenn man mit Freunden oder Familie unterwegs ist, kann sich der Urlaub zu einer ähnlichen Extremsituation entwickeln wie auch das Weihnachtsfest.

Da nützen alle guten Vorsätze zur Harmonie wenig: Wenn der Mensch von Alltag befreit ist und auch noch dicht beieinander hockt, kommen unterschwellige Konflikte an die Oberfläche. So auch in Tom Sommerlattes Regiedebut „Im Sommer wohnt er unten“, das mit überschaubarem Ensemble nicht nur eine Bruderkonstellation, sondern auch Beziehungskonflikte an die helle französische Sommersonne holt.

Matthias (Sebastian Fräsdorf) wohnt im Sommerhaus seiner Eltern an der französischen Atlantikküste. Hier lebt er mit seiner französischen Freundin Camille (Alice Pehlivanyan) und deren Sohn Etienne (William Peiro). Und gerade als er mit Etienne im Pool schwimmen übt, taucht überraschend sein älterer Bruder David (Godehard Giese) mit Frau Lena (Karin Hanczewski) auf. Das Paar wollte eigentlich erst ab der nächsten Woche Urlaub in dem Familienferienhaus machen, aber weil sich Lena ein Kind wünscht und ihr Eisprung gerade günstig liegt, sind die beiden früher angereist. Aber das sagt man ja nicht so offen.

Das Sommerhaus in Frankreich

David ist verwundert, dass sein „kleiner“ Bruder hier mit Freundin und sogar mit deren Sohn haust und schnell geht dem gestressten Banker Camilles aufgeweckter und neugieriger Sohn auf den Geist. Das Kind muss weg. Außerdem muss Matthias das Zimmer in dem er sich eingerichtet hat, räumen, weil es schon immer Davids Zimmer war. Matthias fügt sich, weil er keine Lust auf Konflikte hat, und so wird Etienne schon eine Woche früher zu seinem Vater gefahren und Matthias sucht sich ein Zimmer im Erdgeschoss. Die antiautoritäre Camille ist allerdings höchst genervt von ihrem laschen Freund und dem despotischen Neuankömmling und beschließt Davids Grenzen auszuloten.

Fast schon mit der Lupe seziert Regisseur und Autor Tom Sommerlatte die Bruderkonstellation zwischen dem jüngeren, aus der Familienart geschlagenen Matthias und dem scheinbar erfolgreichen Stammhalter und Elternstolz David. Da wird schon auf einem alten Foto deutlich, dass der Erstegeborene schon immer der Elternliebling war und Matthias steht bedeutungsschwanger ein wenig abseits des Familienidylls. Und mit herrischer Attitüde und wissender Arroganz ist David auch gleich klar, dass Camille seinen kleinen Bruder nur ausnutzt und dass Matthias ein bisschen Zug fehlt.

das ganzjährig bewohnt ist

Sieht man ja auch am Rasen. Der müsste mal wieder gemäht werden. Auf Matthias Beteuerung, dass er das bis nächste Woche schon noch gemacht hätte, erwidert David altklug und deutsch ordentlich, dass man den Rasen ja jederzeit in gutem Zustand halten könne und so vor Überraschungen gefeit wäre. Damit ist die Konfliktlinie zwischen den Brüdern auch gleich umrissen. Doch die Anwesenheit der beiden Partnerinnen bricht dieses gewohnte Verhältnis auf. Camille reibt sich an dem spießigen Deutschen und Lena ist ebenfalls nicht sonderlich vom Verhalten ihres Gatten begeistert, ist es aber gewohnt sich dem Alphatier unterzuordnen.

Doch auch David hat so seine Probleme. Der Banker hat sich privat mit Aktien verspekuliert, ist hoch verschuldet und hat seiner Frau versprochen, die Finger davon zu lassen. Doch David nutzt jede Gelegenheit, heimlich an der Börse zu zocken und zeigt auch in Sachen Kinderwunsch nicht den erwünschten Elan. Stattdessen, ignoriert er seine Frau weitestgehend und beginnt auf Camilles Herausforderungen zu reagieren. Die hat freilich auch schon Lenas Ehefrauen-Rolle hinterfragt und emanzipatorisches Gedankengut gesät, bevor der Patriarch überhaupt weiß wo vorne ist.

Beizeiten ist „Im Sommer wohnt er unten“ ein wenig plakativ gestrickt. Gerade David bekommt als „Störenfried“ so ziemlich alles aufgeladen, was man von einem blöden Deutschen Workaholik erwartet. Auch hätte es dramaturgisch durchaus gereicht, die Beziehung zu Lena mit nur einem Problemkreis zu beladen, der Aspekt der Familienplanung wirkt in der einen oder anderen Szene ein wenig überfrachtet.

führt bei Doppelbelegung zu Streitigkeiten.

Andererseits schafft Regisseur Sommerlatte mit der Ferienhaussituation auch eine wunderbare Bühne für die Darsteller. Die sind bislang vor allem aus TV-Produktionen bekannt und können hier mal richtig aus dem Vollen schöpfen. Die dramaturgische Ausgangslage hat Potential, das die Darsteller auch zu nutzen wissen und sehr gekonnt mit turbulentem Leben füllen. Und die Beschränkung auf den Ort der Handlung hat auch etwas positiv Theaterhaftes, was aber wegen des Urlaubsszenarios und der häufigen Ortswechsel im und um das Haus zur Lebendigkeit des Films beiträgt.

Es gab in den vergangenen Jahren immer mal wieder Filme, die sich die südeuropäische Urlaubskulisse als dramatisches Laborexperiment zu Nutze machten: Maren Ades „Alle Anderen“ (2009), Wolfgang Fischers „Was du nicht siehst“, Nana Neuls „Ein stiller Sommer“ (2013) oder auch Nicolas Wackerbarths „Halbschatten“ (2013). Das funktioniert im direkten Vergleich in Sommerlattes „Im Sommer wohnt er unten“ sehr gut. Auch zeigen sich von der Figurenkonstellation einige Parallelen zu Matti Geschonnecks TV-Film „Liebesjahre“ (2011) in dem Iris Berben und Axel Milberg als lange geschiedenes Paar ihr gemeinsames Haus verkaufen wollen und mit den jeweils neuen Partnern zum Lokaltermin erscheinen.

„Im Sommer wohnt er unten“ ist ein mehr als gelungenes Spielfilmdebut. Schauspieler, Autor und Regisseur Tom Sommerlatte hat eine sehenswerte Besetzung für sein unterhaltsames Urlaubsdrama vor der Kamera, das auch gelegentliche Schlichtheiten gekonnt überspielt.

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Im Sommer wohnt er unten
OT: Im Sommer wohnt er unten
Genre:Drama, Komödie
Länge: 96 Minuten, d, 2013
Regie:Tom Sommerlatte
Schauspiel: Sebastian Fräsdorf, Alice Pehlivanyan, Karin Hanczewski, Godehard Giese,
FSK: ab 12 Jahren
Verleih: Kinostar, Eurovision
Kinostart: 29.10.2015
DVD-VÖ: 17.03.2016

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