Es ist zwar kein neuer Sheriff in der Stadt, aber die Familie der regionalen Krimiserien hat Zuwachs bekommen. Capitano Rossi ermittelt im Tessin. Das macht der fiktive Kommissar zwar schon länger, denn er steht eher am Ende seiner Polizeikarriere, aber in Roman-Form ermittelt Capitano Rossi in „Die Familie sehen und sterben“ zum ersten Mal. Seit Anfang März im Galiani Verlag.
Da beginnt einer zu erzählen, stockt und setzt erneut an. Und schon stutzt die Leserschaft: Enzo, will erzählen wie er erschossen worden ist. Enzo ist der Capitano Enzo Rossi von der Polizei in Lugano. Hier ermittelt der Schweizer Polizist seit Jahrzehnten und eher gemächlich und mit flach gehaltenem Ball. Nun aber stört die Assistentin Ispettrice Gemma Crivelli die traute Zweisamkeit des Capitano mit seiner Freundin Maria gleich mit zwei Todesfällen.
Da liegt einer Im Wald von Fornasette und hatte wohl beim Hund Ausführen einen Infarkt. Der zweite Todesfall ereignet sich in einer Haus im Luganer Stadtteil Caslano. Da scheint einer beim Auswechseln der Glühbirne verunfallt zu sein. Die meisten Todesfälle ereignen sich im Haushalt.
Jener Unfalltote hatte ein Restaurant in der Gegend, der im Wald betrieb eine Gärtnerei in der Gegend. In beiden Fällen stellt sich heraus, dass es keine natürliche Todesursache war. Morde kommen hier eigentlich nicht vor, und nun zwei gleichzeitig.? Eine Verbindung scheint naheliegend und doch schlägt der Capitano vor, die Ermittlungen aufzuteilen. Er übernehme den Fall des Restaurantbesitzers, die Crivelli den des Gärtners.
„Schreib’s auf, Enzo!“
Eigentlich hätte es umgekehrt sein müssen, die die Inspettrice ist mit der Frau ihres Toten bekannt und Rossis Schwägerin hat dem Restaurantbesitzer eine Nachtclub abgekauft. Befangenheit in beiden Fällen. Aber deswegen macht es der Capitano ja so herum. Denn im Tessin ist es italienisch genug, das mensch gleich Mafia denkt. Und Rossis Bruder Fabiano ist ein erfolgreicher Unternehmer, der auch noch für das Bürgermeister-Amt in Lugano kandidiert.
Familie geht bei den Rossis vor und Enzo hofft unbemerkt schaden von seinem Bruder abwenden zu können. Dabei wird er derart vergesslich, unzuverlässig und fahrig, dass ihn selbst der zur Trunksucht neigende alte Gerichtsmediziner Ferrari mahnen muss, dass es so nicht weitergehen kann.
Dieser (möglicherweise unzuverlässige) Ich-Erzähler ist in der Tat kein uneingeschränkter Sympathieträger. Über die Verwandtschaft mit einem einflussreichen Geschäftsmann hinaus ist Enzo Rossi in seiner Erzählung sehr sprunghaft und zeigt auch einen Hang zur Selbstsucht. Bruder Fabiano, dem nachgesagt wird, er habe Kontakte zum organisierten Verbrechen und der mit der Polizeichefin in die Oper geht, ist so einflussreich, das Enzo sich bei der Arbeit einige Freiheiten herausnehmen kann.
Ein sehr quadratisches Haus, ohne Aussicht, aber aus teuren Materialien
Doch eigentlich plant die Chefin schon für die Zeit nach seinem Ruhestand und Rossi ist sich sicher, dass Crivelli seinen Posten will. Als sie dann einen USB-Stick vom Anwalt des Toten bekommt, den Rossi bearbeitet, wird die Angelegenheit komplizierter. Denn der Tote hatte ausdrücklich darauf bestanden,das Rossi die Infos nicht kriegt.
Der Autor von „Die Familie sehen und sterben“ verbirgt sich hinter einem Pseudonym. Das ist sein gutes Recht und von Verlagsseite heißt es nur, es sei ein deutschsprachiger Autor, der in seiner Kindheit häufig im Tessin war. Nachdem Banksy gerade so ernüchternd und überflüssig bloßgestellt wurde, belassen wir es an dieser Stelle dabei.
„Die Familie sehen und sterben“ ist der Auftakt einer neuen Krimireihe, die wohl unter dem titel „Mord im Tessin“ an den Start geht. Damit reiht sich Capitano Rossi in eine zumindest in Deutschland seit Jahren erfolgreiche Tradition von regionalen Krimis und Thrillern. Man erinnere sich an Jacques Berndorfs „Eiffel-Krimis“, die zumindest früh zum Trend beigetragen haben. Heutzutage ermittelt Komissar Dupin in der Bretagne, Brunetti kommt in Venedig langsam in die Jahre und im TV laufen munter immer neue Kriomi-Serien, die auf Lokal-Kolorit setzen. Sei es national wie „Ein harter Brocken“ im Harz, die „Dünen“-Reihe nach Autor Sven Voss oder die „Ostfriesen“-Reihe nach Klaus-Peter Wolf. International ermitteln deutsche Darsteller-Teams in Bozen, Barcelona, Lissabon und Zürich. Und nun auch im Tessin.
„Wir haben zwei Fälle. Keinerlei Verbindung erkennbar.“
Die Familie sehen und sterben“ ist ein zwiespältiges Leseerlebnis. Im Grudne genommen wird flott und auch nicht sonderlich tief in der Ich-Perspektive erzählt. Doch genau das macht die Angelegenheit auch schwer zu lesen. Wie eingangs erwähnt neigt der Rossi aktuell zu fahrigkeit und vergesslichkeit, siene Gedanken, die häufig einfließen sind sprunghaft und bisweilen auch nicht fertig, bevor der nächste kommt. Das führt zu elliptischen Satzkonstuktionen, die für solche Zustände typisch und anschaulich sein mögen, aber eben auch schwer zu verfolgen und ermüdend,. Bis sich die geneigte Leserschaft eingefunden hat in des Capitanos Bewusstseinsstrom.
Und der ist mit dreierlei eigentlich viererlei Dingen beschäftigt, die munter gemischt werden: Die Ermittlungen, die Erinnerung an die Familie, die Konkurrenz auf der Arbeit und die romantische Beziehung, denn Enzo schwärmt auch noch für seine Schwägerin. Das wäre nun nicht zuviel für eine interessante und charismatische Figur, mit der mensch gerne lesend viel Zeit verbringt. Leder entwickelt Enzo diesen Charme nur bedingt, weshalb irgendwann auch auffällig wird, dass da eigentlich recht wenig Handlung vonstatten geht und die Ermittlungen sich auch eher selbst erledigen.
Während Krimiklassiker solcherlei Morduntersuchungen gerne mal flott unter 200 Seiten abhandeln braucht Toni Rivera extravagante 280 Seiten, was großteils der Geschätzigkeit der Gedanken des Capitano geschuldet ist. Nun, wer darin Unterhaltung findet, darf sich bereits auf den für 2027 angekündigten nächsten Fall von Enzo Rossi „Verwandte Wölfe“ freuen und auf eine Rückkehr ins Tessin.
Osteria? Ristorante. Kein Grotto. Eigentlich Trattoria.
Das Tessin in diesem Krimi ist ebenso zwiespältig wie die Erzählung. Da ist viel Namedropping, was zur Authentizität beitragen soll, anfangs aber vor allem verwirrt. Schwerlich entwickelt sich eine Mental Map der Gegend. Es ist schon irgendwie synonym wenn Rossi vom Malcantone, der Landschaft hier, spricht und vom Sottoceneri also dem Land unterhalb des Mont Ceneri. Auch muss die Leserschaft schon gerne wissen, dass sie sich in der Schweiz befindet und nicht in Italien, das ostlich und Westlich an Lugano angrenzt. Aber weil der Luganer ja gerade so ein beliebter Wein ist, wird sich im Bekanntenkreis sicherlich ein Weinkenner zur Erläuterung finden.
Der Capitano selbst kommt unterwegs zu eigenwilliger Erkenntnis: „Wenn man es genau betrachtet, ist alles, was in den vergangenen Tagen geschehen ist, seit Auffindung der beiden Leichen, ohne dich geschehen, Rossi. Natürlich, du warst dabei, so wie ein Stück Holz, das im Fluss treibt, dabei ist, wenn es weg treibt.“ Das denkt er, der Capitano auf dem Rangiergleis. „Ja gut, Hergott nochmal, wir sind nicht in einem Kriminalroman!“ Doch, sind wir.
Nun ist die Krimi-Vorstellung beinahe so überladen ausgefallen wie der Roman. Der unterhaltsame Passagen hat, aber seine Charaktere nicht atmen lässt. Am Ende weiß die Leserschaft wie Enzo erschossen wurde und auch was es mit den Toten auf sich hat, aber es bleiben doch viele Fragen offen. Möglicherweise genug um zurückzukehren?
Toni Rivera – Die Familie sehen und sterben
Genre: Krimi
Reihe: Mord im Tessin, Band 1
Autor: Toni Rivera
Format: Taschenbuch, E-Book
Verlag: Galiani Verlag, 280 Seiten, 2026
VÖ: 01.03.2026

