Dass ein Film nur von einem Darsteller getragen wird, der sich quasi nur in einem einzigen Setting befindet, ist schon eine Ausnahmeerscheinung im Filmbusiness. Und „No turning Back“ gehört dazu. Durch die Nacht mit Tom Hardy. Das war 2014 im Kino zu erleben.
Vor einigen Jahren verfrachtete Rodrigo Cortéz in „Buried“ seinen Star Ryan Reynolds in einen Sarg und ließ in den Film über dort, ohne den klaustrophobischen Ort zu verlassen. In „No Turning Back“ steigt die Hauptfigur zu Filmbeginn in einen PKW und wird die gesamte Fahrt über von der Kamera begleitet. „No Turning Back“ ist dabei kein Thriller, sondern ein großartiges Drama. Dass das Filmkonstrukt funktioniert liegt an einem cleveren Script und einem großartigen Tom Hardy.

Der Bauingenieur und Baustellenleiter Ivan Locke (Tom Hardy) hat morgen einen wichtigen Tag vor sich, denn auf seiner Baustelle wird dann eine enorme Menge Beton angeliefert, die das Fundament für ein Großprojekt sein wird. Dennoch entscheidet er sich nach Feierabend nicht nach Hause zu seiner Frau (Ruth Wilson) und seinen Söhnen zu fahren, sondern macht sich auf den Weg zur Autobahn.
Auslöser dieser Entscheidung ist, dass Locke vor Monaten eine Frau (Olivia Coleman) geschwängert hat, die nun entbindet und niemanden hat, der ihr zur Seite steht. Die Fahrt wird zu einem Wendepunkt in Ivan Lockes Leben, denn er muss die Baustelle koordinieren und vorbereiten, die Schwangere beruhigen und seiner Frau gestehen, dass er sie betrogen hat. Dank moderner Kommunikation ist das alles während der Fahrt zu erledigen.
Telefonieren im Auto
Stephen Knight wird den Filmfans wohl hauptsächlich als Drehbuchautor bekannt sein, stammen aus seiner Feder doch die Scripte zu Cronenbergs „Eastern Promises – Tödliche Versprechen“ und Pablo Larraíns „Spencer“, sowie für „Kleine schmutzige Tricks“, für das Knight einen Oscar einheimste. Als Regisseur ist Knight, abgesehen von einigen Episoden für eine TV-Serie in den 1990er Jahren, bislang nur mit dem Statham-Film „Redemption“ (2013) in Erscheinung getreten, für dessen Drehbuch er ebenfalls verantwortlich zeichnete.

Mit „No turninig Back“ zeigt der renommierte Drehbuchautor, dass er auch als Filmmacher das Risiko nicht scheut und großes Drama zu inszenieren weiß. Knight schickt seinen Hauptdarsteller quasi in Echtzeit auf die nächtliche, englische Autobahn. Was wie ein typischer Thriller beginnt, entpuppt sich bald als ungewöhnliches Drama über einen Mann am Scheideweg seines Lebens. Im Bild ist, abgesehen von der Eingangs- und der Schlusssequenz, immer nur Tom Hardy hinter dem Steuer seines Wagens. Das einzige, was er sonst noch tut, ist telefonieren. Gelegentlich reflektieren in den Autoscheiben die Lichter der Straßenbeleuchtung oder aber die Kamera sitzt mit Locke im Inneren des Wagens. So kreiert „No Tuning Back“ in seinem nächtlichen Ambiente eine enorme Intimität.
Das allein garantiert freilich noch kein packendes Drama. Dazu bedarf es großer Kunstfertigkeit in den Dialogen und eines Darstellers, der in der Lage ist seine Emotionen und Befindlichkeiten unter diesen einschränkenden Bedingungen nachvollziehbar zum Ausdruck zu bringen. Tom Hardy („Inception“, „Warrior“, „Dame, König, As, Spion““, „The Dark Knight Rises“) ist ein vielbeschäftigter und variabler Darsteller und der Mittdreißiger zeigt in „No Turning Back“, dass er keinesfalls nur die muskelbepackten Kerle spielen kann, sondern auch ein fabelhafter Charakterdarsteller ist.
Durch die Nacht zu einer Entscheidung
Dabei ist es von Vorteil auf ein derartig gutes Drehbuch setzten zu können, denn es gelingt Steven Knight innerhalb der 85 Minuten nur über Dialoge und Selbstgespräche die ganze Lebensgeschichte des Ivan Locke zu transportieren. Doch Locke schwadroniert nicht nur vor sich hin, sondern seine Telefonpartner verlangen jeweils seine volle Aufmerksamkeit und haben Probleme und Ängste für die Locke einerseits verantwortlich ist, die er aber andererseits so gut es eben geht zu lösen versucht.
Das funktioniert auch deshalb so spannend, weil die nur als Stimmen auftretenden Ruth Wilson, Andrew Scott (als Donal, der die Verantwortung auf der Baustelle übernehmen muss) und Olivia Coleman ebenfalls großartige Schauspieler sind, deren Leistung man in dieser One Man Show keinesfalls unterschätzen sollte. Die Bilder scheinen bei dieser Konstellation in den Hintergrund zu rücken, aber „No Turning Back“ ist keinesfalls ein Hörfilm, sondern findet Kameraeinstellungen und Lichteffekte, die auch visuell gelungen und ansprechend sind.
Nicht umsonst heißen der Charakter wie auch der Film im Original „Locke“, was die Gefangenheit in der Situation schon im Namen festlegt. Von Ivan Locke zu „I am locked“ (Ich bin gefangen) ist es nur eine kurze Assoziation und auch das ist durchaus mehrdeutig zu verstehen. Neben der offensichtlichen Unmöglichkeit die Dinge gleichzeitig selbst zu regeln, sagt es auch etwas darüber, dass Ivan sich selbst in diese Situation gebracht hat und seinem Charakter nicht entfliehen kann.
Das ungewöhnliche Drama „No Turning Back“ wurde mit dem British Independent Film Award für das beste Drehbuch ausgezeichnet und ist nicht nur aufgrund intelligenter Dialoge und eines überragend präsenten Tom Hardy ein filmischer Hochgenuss.
No Turninig Back
OT: Locke
Genre: Drama
Länge: 85 Minuten, UK, 2014
Regie: Steven Knight
Schauspiel: Tom Hardy.
FSK: ab 12 Jahren
Verleih: Studiocanal
Kinostart: 19.06.2014
DVD- & BD-VÖ: 23.10.2014


