28 Years Later – The Bone Temple: Die Hand des Teufels

Der Endzeit Horror, den Regisseur Danny Boyle und Autor Alex Garland seit 2002 auf die Menscheit losgelassen haben, geht in eine weitere Runde. Als zweiter Teil der „28 Years Later“-Trilogie ist „The Bone Temple“ archaisch ausgefallen. Wer mit der Filmreihe bislang überhaupt keine Berührungspunkte hatte, sollte zumindest mit dem direkten Vorgänger „28 Years Later“ anfangen, bevor mensch sich mit diesem Knochentempel beschäftigt. Alle anderen kommen gut in die Story hinein, die auch für sich stehen könnte. Die fehlende Jugendfreigabe ist absolut berechtigt, Nia DaCosta führt packend Regie und Ralph Fiennes zelebriert eine seiner besten Rollen überhaupt. Für schwache Nerven ist der Endzeit-Horror-dennoch nicht empfehlenswert.

Seit der Infektion mit dem Wut-Virus sind 28 Jahre vergangen. Die rasenden hirnlosen Infizierten haben sich verbreitet und sind immer auf der Jagd nach Menschen. So genannte Alphas führen die Horden der menschenfressenden Mutierten an. Auch verstreute Reste der Menschheit haben in Abgeschiedenheit und unter höchster Vorsicht überlebt, denn auch die infizierten lassen sich töten.

Der junge Spike (Alfie Williams) findet sich in einem Aufnahmeritual der Finger wieder. Die Truppe blond perückter Kids braucht immer wieder frische Mitglieder. Beziehungsweise: eigentlich hat die Hand von Sir Jimmy Crystal (Jack O’Donnell) immer sieben Finger. Die müssen sich stets beweisen – auf Leben und Tod. Spike wird Teil der Gang. Die macht sich auf um im Namen von Vater Nick Nächstenliebe zu verbreiten. Heißt im Klartext, der Satanist Jimmy Crystal hält sich für den Sohn Satans und lässt die wenigen menschlichen Überlebenden auf bestialische Weise töten.

Nicks rechte Hand mit sieben Fingern

Währenddessen hat der ehemalige Arzt Doktor Ian Kelson (Ralph Fiennes) sich ein Refugium gebaut, dass er fortwährend mit den abgekochten Knochen von Verstorbenen schmückt. Eigentlich geht es vor allem um die Beseitigung der Leichen, doch inzwischen ist ein Knochentempel aus den Gerippen entstanden.

Kelson trifft eines Tages auf einen verwundeten Alpha, den er Samson (Chi Lewis-Parry) nennt. Der zaudert als er sich Kelson nähert, worauf dieser ihn mit dem Blasrohr betäubt und dessen Wunden versorgt. Der Arzneicocktail scheint Samson zu gefallen, denn er kommt immer wieder zu Kelson. Und der beginnt mit seinem „Alpha-Feund“ zu experimentieren. Sir Jimmy Crystal und die Finger verbreiten derweil Angst und Schrecken in einer nahegelegenen Menmschenkolonie. Jimmy Ink (Erin Kellyman) wird als Späher losgeschickt und entdeckt Kelsons Tempel.

Es geht schon recht blutig und gewalttätig zu, wenn in „The Bone Temple“ Alpha Samson auf die Menschenjagd geht, oder auch wenn die Satanisten wieder ausufernd gewalttätig foltern. Doch großartiges Genrekino hat immer auch einen „Mehrwert“ zu bieten. Hier lässt Drehbuch-Autor Alex Garland einerseits völlig irrwitzige Satanisten frei herumlaufen, die zwar souverän Infizierte töten können, aber denen aufgrund des jungen Alters jegliches anerzogene zivilisatorische Momentum fehlt. Kein Wunder, wenn die Kids aufgewachsen sind, als die Welt bereits in Trümmern lag.

Ians fahle Türme

In einer solchen Gesellschaft ist der Einäugige König unter den Blinden und Jimmy Crystal, der eine groteskes Zerrbild des verstorbenen Jimmy Saville darstellt, hat die Reste von Glauben aus seiner Kindheit vor der Katastrophe komplett verdreht. Der Herr der Fliegen lässt grüßen.

Ganz anders Doc Kelson, der seiner eigenen Agenda folgt, auf seine Weise aufräumt und sich noch immer seinem Hippokratischen Eid verpflichtet fühlt. Das der Doktor die Gesellschaft von Samson genießen könnte, mag ihn selbst am ehesten überraschen.

Die Zahl des Teufels

Einiges deutete an, dass „28 Years Later: The Bone Temple“ einfach nur der solide, Mittelteil einer Trilogie hätte sein könnte. Doch Autor Garland präsentiert ein eigenständiges Phänomen in dieser postapokalyptischen Welt. Und Regisseurin Nia DaCosta („The Marvels“, „Candyman“) beweist eindrucksvoll, dass sie die Filmserie voranbringen kann. Jack O’Donnell gelingt es nach seiner Rolle in „Blood & Sinners“ erneut hypnotisch einen charismatischen Bösewicht auf die Leinwand zu zaubern.

Doch es ist die schillernde Präsenz des Doktors, die dem Film seien Glanz und seine Glorie verleiht. Charaktermime Ralph Fiennes („Der englische Patient“, „Konklave“) mag für seine tiefgründige und philosophische Rolle vor lauter Blut und Gedärm keine Oscar-Nominierung einheimsen, aber dieser Ian Kelson, der sich immer noch mit der Musik seiner jungen Jahre über die Einsamkeit tröstet, ist eine der großartigsten Rollen des begnadeten Schauspielers. Wer Tears For Fears Texte zum Massenbegräbnis herauskramt, weiß, dass alles am rechten Platz ist.

„28 Years Later: The Bone Temple“ ist eine furiose und packende Fortschreibung der apokalyptischen Saga. 28 Jahre nach dem Wut-Virus ist der Doktor im Haus und nimmt es mit Infizierten und Satanisten auf, bis die Glockenklingeln. Wer durch die Gewalt und die Gedärme schauen kann, wird mit einer packenden archaischen Überlebensgeschichte und schillernden Charakteren belohnt. Und freut euch, es geht weiter.

Bewertung: 9 von 10.

28 Years Later: The Bone Temple
OT: 28 Years Later: The Bone Temple
Genre: Horror,
Länge: 109 Minuten, GB / USA, 2025
Regie: Nia DaCosta
Schauspiel: Ralph Fiennes, Alfie Williams, Eryn Kellyman, Jack O’Donnell,
FSK: keine Jugendfreigabe, ab 18 Jahren
Verleih: Sony Pictures
Kinostart: 15.01.2026

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