Die Frankfurter Band The Imperial Mustard hat definitiv ihr eigenes Ding am Laufen. Das neue Album ist das zweite in der aktuellen Besetzung und doch sind Imperial Mustard alte Hasen und Häsinnen in der deutschen Psychedelic Rock Szene. Wer sich da angesprochen fühlt, sollte das frei improvisierte Album „Turn the Stone“ durchaus mal antesten. Seit dem 5. Dezember 2025 auf dem Markt.
Mit Senf kenne ich mich nur bedingt aus. Möglicherweise gibt es da neben diversen Geschmacksrichtungen auch unterschiedliche Qualitätsstufen. Kaiserlicher Senf wäre dann wohl oberstes Regal und würdig genug Hoflieferant zu sein. Senf an sich ist in seiner Herstellung vermeintlich schlicht, die Saatkörner der Senfpflanze werden zu einem Brei zermahlen und mit einigen Gewürzten verfeinert. Das Geschmacksintensive und scharf Schmeckende des Senf ist von seine ätherischen Bestandteilen geprägt und als solches eher flüchtig.
Womit eine kulinarische Brücke zum improvisierten Musik von The Imperial Mustard geschlagen wäre. Die Band besteht aus fünf Musiker:innen und hat sich der psychedelischen Klangerzeugung verschreiben. Auf dem youtube-Kanal der Band finden sich schon mal Live-Versionen von Coversongs einschlägiger vorangegangener Künstler:innen. Jefferson Airplane, Joni Mitchell, Ritchie Havens, aber vor allem eigenes improvisiertes Musizieren. Als „Jam of the Week“ kommt unregelmäßig ein Song als Licht.
Seit 2012 (oder vielleicht auch schon länger) machen Sängerin Suse Michel, Bassist Carsten Eckermann, Schlagzeuger Stefan Myschor und Gitarrist Hank Wagner zusammen Musik. Die erste Dekade zusammen mit Gitarristen Ike Anger und seit 2023 mit Gene Deja als zweitem Gitarristen. Dadurch hat sich der Sound schon in Maßen verschoben. Nun hat die Band mit ihrem alten Schaffen nicht abgeschlossen, aber es immerhin für eine gute Idee gehalten, eine neue Bandcamp-Präsenz an den Start zu bringen. Für das neue Outfit stehen nun zwei Alben zu Buche. „Room One“ und „Turn the Stone“.
Neuanfang mit neuer zweiter Gitarre
Dreht die Hörerschaft den Stein um, so finden sich 9 Songs in 67 Minuten Spielzeit. Die Songlänge variiert dabei von gut 4 bis hin zu knappen 12 Minuten. Es gibt eher rockige Spieltriebe und eher Getragene. Düstere, gebrochene Bluesnummern stehen neben fuzzig flottem Krautrock. Das ist schon beeindruckend, liest sich aber auch breitbandiger, als es de fakto ist, denn The Imperial Mustard klingen immer wie The Imperial Mustard.
Das musikalische Konzept ist schlicht erzählt, aber schwer fassbar; und womöglich auch gar nicht so einfach live umzusetzen. Denn getreu dem alten Kommunenspruch, wer zwei mal den selben Song spielt, gehört schon zum Establishment. Aber das wird die geneigte Fanschar und bei Auftritten sicher nicht weiter stören.
Den Rezensenten hingegen irritiert es schon, wenn er sich lange nach Infos umsehen muss, ob die Alben der Band denn auf Tonträger zu bekommen sind, oder nicht? Bei Bandcamp gibt’s kategorisch nur die digitalen Alben, das Label stellt sich als Konzert-Agentur raus und nirgendwo habe ich Anzeichen dafür gefunden, dass es Tonträger von The imperial Mustard zu erstehen gibt oder gab. Immerhin liegt mir aber eine Rezensions-CD vor. Die wirkt, als könne sie handelstauglich sein.
Ich will da jetzt nicht lange drauf rumreiten, aber selbst in Zeiten von Streams bedienen Reviews auf diesen Seiten auch eine Hörer-und Leserschaft, die grundsätzlich dem physischen Erwerb von Musik aufgeschlossen ist und sich nicht am Mainstream orientiert. Die Tonträger-Info ist also schon von Belang. Oder anders rum: Mir fehlt auch die Zeit da hinterherzurecherchieren. Wird zukünftig auch nicht mehr passieren, Stichwort Aufmerksamkeits-Ökonomie.
All tracks improvised
Zurück zum Wesentlichen. Wie nicht anders zu erwarten, spielen The Imperial Mustard ganz furios und tight zusammen. Jahrelanges gemeinsames Musizieren zahlt sich aus und die Musik wirkt nicht durchgehend improvisiert. Das ist schon ein hohes Maß an Musikantenschaft. Auch und gerade, wenn der Gesang die Texte unterwegs formt und auf den Rest des Songgerüsts abstimmt. Im Jazz ist das verbreiteter, im Rock immer noch eine Ausnahmeerscheinung.
„Black Sunday“ rockt flott weg. „On the Line“ kommt mit düsterem langsameren Tempo daher und kriecht in die Gehörgänge. Ich mache da gesanglich auch eine Nähe zur Reibeisen-Blues-Chanteuse Sandy Dillon aus. Ansonsten bewegt sich Sängerin Suse variabel und souverän zwischen Niko-artigem Flüstern und Rockröhre a la Elin Larsson von den Blues Pillz.
Der Titelsong „Turn the Stone“ gefällt mit eingängier Gitarrenmelodie und einer sich steigernden Dynamik. „Hot Smoke“ mutet fast balladesk an und intoniert sphärische Weiten. „Beautiful Day“ zelebriert die Freude über einen schönen Tag vor allem mit einen Musizieren, dass sich reibt. Ein Spielen, das knarzt und quietscht, bis es letztlich in einen Hawkwind-Groove geht, der in bester Motörhead-Manier verzerrt. Etwas zu lang, aber schon fein.
no overdubs
„Easy“ wabert psycho-funky und mit konstantem Tempo abseitig entspannt durch die Boxen. „Deep Down“ zieht das Tempo und den Groove dann wieder kurz und in knackigen 4 Minuten an. Vielleicht der eingängigste Song auf dem Album. „Orient V8“ bleibt in den neun Minuten instrumental und baut eine Raketen-Startrampe auf. Abschließend bildet „Goodbye“ den slow bluesigen Abgesang auf das Album. Hier und da schimmern Anklänge an Moody Blues durch und bitten versöhnlich, doch zum Ende zu kommen.
Improvisierter Psychedelic Rock vom Feinsten liefern The Imperial Mustard seit etlichen Jahren. „Turn the Stone“ scheint sich da im Bandoevre auf den ersten Eindruck etwas hervorzutun. Letztlich sind die Unterscheide zu älteren Sachen aber vor allem soundmäßig und im Detail. Ein Jam ist ein Jam ist ein Jam. Und dass sich die Band (inklusive der Vocalistin) immer wieder auf einen Groove einigen, bleibt vieles im soliden Midtempo-Bereich. Das entwickelt seinen Flow, ist aber auf Albumlänge in Konserve deutlich weniger attraktiv als live und in Farbe. Dennoch ein spannendes Album mit einigen knackigen Riffs und Ideen.
The Imperial Mustard – Turn The Stone
Genre: Psychedelic Rock, Neo Kraut
Länge: 67 Minuten, 9 Songs, D, 2025
Interpret: The Imperial mustard
Label: Slag Records
Vertrieb: ?
Format: ?
VÖ: 05.12.2025
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