Märchenhaftes zum Fest und hinter Tür #24 im #Filmadvent: „Blancanieves“ von 2012. Wer zu spät kommt, den bestraft bekanntlich das Leben. So ähnlich mag sich der spanische Regisseur Pablo Berger mit seiner großartigen Schneewittchen-Variante gefühlt haben, als der französische Stummfilm „The Artist“ bei den Oscars abräumte. Aber das Gefühl wird nur kurz angehalten haben, denn außer dem neuerlichen Beweis, dass Stummfilme auch heutzutage künstlerische Relevanz besitzen, haben die beiden herausragenden Werke wenig miteinander gemein. Aber wo ist der siebte Zwerg?
Der Matador Antonio Villalta (Daniel Giménez Cacho) ist im Sevilla der 1920er Jahre ein gefeierter Stierkämpfer. Doch ausgerechnet in der Stunde seines Triumphs lenkt ihn das Blitzlicht eines Fotografen ab.Während seine hochschwanger Frau, eine gefeierte Flamenco-Tänzerin, auf der Tribüne sitzt, nimmt ihn der eigentlich besiegte Stier auf die Hörner. Während seine Frau bei der Geburt von Tochter Carmen (Imma Cuesta) stirbt, wird Villata notoperiert. Doch er bleibt gelähmt und auf den Rollstuhl angewiesen.
Villalta heiratet die ehrgeizige Krankenschwester Encarna (Maribel Verdú) und Carmen wächst derweil bei ihrer Großmutter auf. Ihren Vater sieht sie nie. Schließlich stirbt auch die Großmutter. Carmen kommt auf den väterlichen Landsitz, wo sie das ärmliche, beschwerliche Leben einer Magd führen muss. Gegen alle Widerstände der neidischen Stiefmutter lernt Carmen ihren zurückgezogenen und eingesperrten Vater kennen und lieben.
Nach dem Tod des ehemaligen Matadors beschließt Encarna, sich auch der Stieftochter Carmen zu entledigen. Doch Carmen wird von einer Truppe Kleinwüchsiger gerettet, die als Toreros bei Volksfesten für Belustigung sorgen. Sie hat aber die Erinnerung verloren.
Schneewittchen als Torero
Spätestens seit Walt Disneys berühmtem Zeichentrickfilm gehört das Märchen der Gebrüder Grimm zu jenen Filmstoffen, die immer wieder verfilmt werden. Der spanische Filmmacher Pablo Berger war von einem Kinoerlebnis, wo ein Stummfilmklassiker mit Liveorchester gegeben wurde so ergriffen, dass er selbst einen Stummfilm drehen wollte.
Berger bastelte rund zehn Jahre an seiner ebenso eigenwilligen wie originellen Variante des bekannten Märchens und verfrachtet die Geschichte gewitzt und charmant in das Stierkampfmilieu Spaniens in den Zwanziger Jahren. Das ist selbstredend auch als Hommage an die große Zeit des Stummfilms zu verstehen.
Die Schwarzweißoptik des Stummfilms entführt den Zuschauer in diese fremde, bizarre Welt wie in ein Märchen, ohne dabei in Nostalgie zu erstarren. Berger selbst bezeichnet seine „Blancanieves“ als Schauermärchen und das trifft es recht genau. Denn die Geschichte ist keineswegs für ein junges Publikum gedacht. Dennoch bleibt die Geschichte sehr liebenswert, auch wenn es – soviel sei verraten – kein wirkliches Happy End gibt.
Ein hinreißendes Schauermärchen
„Blancanieves“ überzeugt und überrascht trotz großer Nähe zur Vorlage immer wieder ganz eigenen Wendungen. Häufig sind die Adaptionen der charakteristischen Elemente des Märchens sehr humorvoll und vor allem unverbraucht. Es gibt makabre Wendungen und hinreißend gefühlvolles Drama. Nicht von ungefähr erinnert der Wanderzirkus der kleinen Toreros an Tod Brownings Klassiker „Freaks“ von 1932. Die Schnittfolge, die Szenenübergänge und die grandiose Kameraführung von Kiko de la Rica sind dabei nicht in nostalgischer Manier rückwärtsgewandt, sondern hochmodern und voller Anspielungen an die Filmgeschichte.
Selbstverständlich kommt der Filmmusik bei diesem Unternehmen ein ganz besonderer Stellenwert zu und Komponist Alfonso de Vilallonga hat eine kongeniale Filmmusik kreiert, die das Märchen mit klassischem Score aber vor allem stilecht mit Paso Doble und Flamenco bis zum bitteren Ende vorantreibt und auch trägt.Wie dem Bonusmaterial des Films zu entnehmen ist, feierte „Blancanieves“ seine Weltpremiere stilecht mit einem Liveorchester und erntete dafür Standing Ovations, außerdem gibt es noch ein Making of und einige Featurettes, die interessante Einblicke in die ungewöhnliche Produktion bieten.
Blancanieves ist eine hinreißende und bittersüße Variante des Schneewittchen-Märchens und eines der schönsten Kinoerlebnisse des vergangenen Jahres, das auch auf dem heimischen Bildschirm bezaubert.
Blancanieves
OT: Blancanieves
Genre: Märchen, Stummfilm
Länge: 104 Minuten, E, 2012
Regie: Pablo Berger
Schauspiel: Imma Cuesta, Daniel Giménez Cacho, Maribel Verdú)
FSK: Ab 12 Jahren
Vertrieb: AV Visionen/ Eye See Movies
Kinostart: 24.11.2013
DVD-VÖ: 08.02.2019 (Neuauflage)

