Mit seinen letzten Film „Yi Yi“ hat der taiwanesische Filmmacher Edward Yang (1947 – 2007) im Jahr 2000 ein hochgeschätztes Meisterwerk geschaffen. Nun kommt die fast dreistündige Familiengeschichte aus Taipeh in restaurierter 4K-Version noch einmal ins Kino. Das ist auch eine willkommene Gelegenheit sich mit dem Werk des 2007 verstorbenen Edward Yang näher zu beschäftigen. Neue taiwanesische Welle vom Feinsten.
Große Feiern sind immer denkwürdige Erlebnisse im Kreise einer Familie oder unter Freunden. Sofern ein größerer Kreis von Personen gezeigt und begleitet werden soll, liegt es nahe sich an den Feierlichkeiten zu orientieren. Jüngst hat das auch „Feste und Freunde“ als erzählerische Fixpunkte präsentiert. „Yi Yi“ nun wiederum beginnt mit einer Hochzeit.
Die Hochzeit von A-Di mit seiner hochschwangeren Frau wurde extra monatelang aufgeschoben, denn A-Di ist abergläubisch und hat ständig Geldprobleme. Also wird am Tag des Glückes geheiratet. A-Dis Schwager NJ Jian beglückwünscht die Frischgetrauten und sorgt abends bei der Feier für Fotografien.
Doch zwischendurch geht es NJs Schwiegermutter nicht sonderlich gut. Während alle feiern, stürzt sie allein vor der Wohnung und fällt ins Koma. NJs Teenager-Tochter Ting-Ting (Kelly Lee) bleibt Großmutters Ablehnung gegenüber de Braut präsent und die Enkelin fühlt sich schuldig an Großmutters Unfall.
„Was für ein Glückstag! Ich habe meine erste Liebe vergessen, aber deine nicht.“ (A-Di)
Gerade ist auch die ehemalige Geliebte von A-Di in eine Nachbarwohnung der Jians eingezogen. Deren Tochter freundet sich mit Ting-Ting an. Als die bettlägerige Großmutter wieder bei den Jians untergebracht wird, sollen die Familienangehörigen regelmäßig mit ihr sprechen, damit sie aus dem Koma aufwacht.
NJs Frau Min-Min ist mit der Aufgabe und ihrer hilflosen Mutter bald überfordert. Sie geht für eine Zeit ins Kloster. Die Krankenpflegerin liest der Großmutter nun aus der Zeitung vor. NJ ist derweil beruflich eingespannt, weil die IT-Firma,in der er arbeitet, eine andere Firma kaufen will. NJ soll mitverhandeln. Zugleich ist er aber mit den Gedanken abgelenkt. Nicht nur die Familie will versorgt werden, auch ein zufälliges Wiedersehen mit einer Jugendliebe hat NJ berührt.
Der jüngste Spross der Jian-Familie ist Yang-Yang (Jonathan Chang). Es fällt bisweilen leichter seine Abenteuer als roten Faden der Handlung zu betrachten als dem Familienoberhaupt NJ zu folgen. Dabei ist die filmische Struktur in Edward Yangs Meisterwerk so offen gestaltet, dass die ganze Familie nebeneinander im Rampenlicht stehen kann.
„Mein Leben ist eine einzige Leere. Tag für Tag.“(Min-Min)
Sicherlich ist NJ der Nukleus der Betrachtungen.Die Großmutter hat in ihrem Gesundheitszustand eher eine begleitende Präsenz, während Min-Min eigentlich durch Abwesenheit auffällt. So erstaunt es dann doch ein bisschen, wie selbstverständlich NJ die Dienstreise nach Japan antritt und seine Kinder tagelang mit der Oma und Krankenpflegerin alleine lässt.
Yang-Yang ist wie sein Vater kein Mensch vieler Worte. Er ist vielseitig interessiert und neugierig. Er hat so seine Probleme mit den Mädchen an der Schule und dem Lehrer, der ihn scheinbar nicht leiden kann. Immerhin hat Yang-Yang vom Vater das Fotografieren gelernt, und um eine Mitschülerin zu beeindrucken lernt er tauchen. Aber davon bekommen die Erwachsenen nicht viel mit, weil sie mit ihren eigenen Angelegenheiten ausgelastet sind.
Es dauert eine Weile, bis sich das Publikum in dieser Familienaufstellung zurechtgefunden hat. Edward Yang lässt sein Familiengemälde atmen und den Figuren Raum und Zeit sich zu entfalten. Da braucht es eben eine Hochzeitsvorbereitung um eine Stimmung zu setzen und die fein beobachteten Feierminiaturen, um die Menschen in die Handlung einzuführen.
„Jetzt da du mir verziehen hast, kann ich endlich schlafen.“ (Ting-Ting)
Vieles in „Yi Yi“ fließt elegant und auch verschlungen ineinander und wird selten einmal direkt von hier nach dort erzählt. Das mag in unseren dauerabgelenkten Zeiten kurzer Aufmerksamkeit anachronistisch und orientierungslos wirken. Das Gegenteil ist der Fall. Durch das scheinbar alltägliche, unbemühte Nebeneinanderstellen von Situationen und Menschen gelingt es „Yi Yi“ eine sehr komplexe Momentaufnahme einer Familie zu machen. Die ist formal perfekt eingefasst und zeigt ebenso ein Gesellschaftsbild und einen Zeitgeist wie eine Phase im Leben der Familie Jian.
Die Restaurierung und Neuabtastung des 25 Jahre alten Filmmaterials ist ein cineastisches Geschenk. Dass der Film beim Festival in Cannes erneut zu sehen war, wo er anno 2000 den großen Preis als bester Film gewann, ist sehr stimmig für einen Film, den viele für einen der Besten des 21. Jahrhunderts halten. Dass Rapid Eye Movies den Film auch hierzulande zur Wiederaufführung bringt, sowohl im Original mit Untertiteln als auch in deutscher Sprachfassung, ist nicht nur wunderbar, sondern auch die einmalige Chance das Meisterwerk eines Meisterregisseurs auf großer Leinwand zu sehen.
Keine Angst vor langen Filmen! Während zeitgleich „Avatar“: Fire and Ice“ annähernd gleichlang laufend über die Leinwände flimmert, ist „Yi Yi“ der komplette cineastische Gegenentwurf. Deutungsoffene Lebenbeobachtungen einer Mittelklassefamilie in Taiwan um die Jahrtausendwende. Das ist voller Nuancen und Details und in seiner Bildgestaltung herausragend komponiert und beobachtet. Freilich muss sich das Publikum einlassen auf ein ruhiges, fließendes Erzählen. Achterbahnfahrten gibt es hier nicht visuell, nur emotional. „Yi Yi“ ist längst ein moderner Klassiker, der es verdient hat, auf großer Leinwand präsentiert zu werden.
Yi Yi – A One and a Two
OT: Yi Yi
Genre: Drama
Länge: 173 Minuten, TWN, 2000
Regie: Edwayd Yang
Schauspiel: Nien-Jen Wu, Kelly Lee, Jonathan Chang,
FSK: ab 6 Jahren
Verleih: Rapid Eye Movies REM
Kinostart: 14.06.2001
Wiederaufführung in 4 K Restaurierung: 18.12.2025




