The Dark and the Wicked: Scheunenteufel

Sehenswerte Horror-Filme brauchen nicht unbedingt eine blutgetränkte Special-Effects-Schlacht. Bisweilen ist es deutlich effektiver eine finstere und bedrohliche Atmosphäre aufzubauen. Filmmacher und Autor Bryan Bertino hatte bereits mit „The Strangers“ bewiesen, dass er bedrohliche Szenarien auf die Leinwand zaubern kann. Mit „The Dark and the Wicked“ kehrt das Grauen zurück in die amerikanische Provinz. Mehr „American Gothic“ geht kaum.

Weil ihr Vater David (Michael Zagst) im Sterben liegt, kehrt Louise Straker (Marin Ireland) zurück auf die elterliche Farm. Ihr Bruder Michael (Michael Abbot Jr.) ist bereits da und Mutter Virginia (Julie Oliver-Touchstone) ist absurderweise nicht begeistert von der Unterstützung ihrer erwachsenen Kinder.

Täglich kommt die Krankenschwester (Lynn Andrews) auf der Farm vorbei um am Bett des sterbenden Farmers zu wachen. Dessen Wille war eindeutig, die Familie solle weiterarbeiten. Doch ganz so einfach gestaltet sich das nicht. Es scheint, als würde zumindest Mutter Virginia eine finstere Besessenheit wahrnehmen, die ihren Mann die Seele rauben will.

Wolfsgeheul in der Dämmerung

Die erwachsenen Kinder nehmen das erst wahr, nachdem Virginia kapituliert hat. Doch während Michael das Gerede und auch das Tagebuch der Mutter als Spinnerei abtut, hat Louise ihre Gespenster bereits gesehen. Vielleicht war an den warnenden Worten der Mutter doch etwas dran: Kommt nicht her.

Hier knarzt ein Windrad im der Dämmerung, dort laufen verirrte Ziegen durchs Gestrüpp, während in Hintergrund die Tierglocken klingeln, Stühle rücken und bekannte Menschen werden urplötzlich zu stumpfäugigen Marionetten. Das Böse hat kein Gesicht und keine Gestalt. Es heult wie der Wolf, der die Ziegenherde holen will, und hat seine Krallen bereits in das wehrlose Wesen des Farmers geschlagen. Der vegetiert nach Atem ringend vor sich hin, während die trauernde Familie keine Ahnung hat, was hier gerade abgeht.

Natürliches Gruseln

Bereits in „The Strangers“ (2008) mit Liv Tyler und Scott Speedman als junges Pärchen, deren Heim grundlos zum Ziel boshafter Maskierter wird, kommt das Grauen aus dem Nichts. Das Böse hat sich von der Begründung gelöst und ist sich selbst genug. Das mag dem Publikum vielleicht schlicht erscheinen, ist aber wesentlich bedrohlicher, weil die Willkür Einzug hält. So auch in „The Dark and The Wicked“.

Bryan Bertino hat bei den beiden Fortsetzungen von „The Strangers“ jeweils das Drehbuch beigesteuert aber auf die Regiearbeit verzichtet. Nun inszeniert der Regisseur mit dem amerikanischen Landleben-Alptraum seine vierte Regiearbeit und bleibt seinem Stil ziemlich treu. Sofern das geneigte Publikum hier eine Handschrift erkennen mag.

Ziegenkeule auf Möhrengemüse

Stilistisch geht es in dieser nachgerade klassischen Schauergeschichte sehr naturalistisch zu. Darin ist „The Dark and the Wicked“ dem hochgelobten historischen Horror von Roger Eggers „The Witch“ (2015) ähnlich. Kommt gleichfalls mit wenig Manifestationen des Bösen aus und setzt auf eine naturalistische Beleuchtung, die auf bemerkenswert andere Weise mit Licht und Schatten spielt als viele Grusel-Shocker. Das Konzept setzt sich auch im Sounddesign fort, das zwar nicht ohne Effekt auskommt, aber eben nicht auf schrille Töne und aufgerissene Lautstärke setzt, um das Publikum zum Bibbern zu bringen.

Es gibt eben keinen sicheren Ausweg, keine Waffe gegen das Böse wie in so vielen anderen Genrebeiträgen, in denen auf christliche (oder anders religiöse) Antagonismen von Gut und Böse gesetzt wird. Hier werden keine Sünden vergolten und es gibt keinen ersichtlichen Zusammenhang zwischen schlechten taten und einer höllischen Bestrafung auf werden.

Dabei ist die Handlung in „The Dark and the Wicked“ weniger wichtig als das Setting. Das Schaurige entwickelt sich durch die Anspannung des Wartens und nicht durch Aktionismus. Wer im Kinodunkel darin schwelgen mag, ist bei Bryan Bertino gut aufgehoben.

Bryan Bertinos modere American Gothic Variante macht dem Publikum die Ruhe und Einsamkeit des Farmlebens nicht eben schmackhaft. Aber der naturalistische Psycho-Horror setzt ganz und gar auf seine meisterhafte Stimmung, die sich ebenso ruhig wie bösartig auf der vom Tod gezeichneten Farm breitmacht.

Film-Wertung: 7 out of 10 stars (7 / 10)

The Dark and The Wicked
OT: The Dark and The Wicked
Gene: Horror, Thriller,
Länge: 95 Minuten, USA, 2020
Regie: Bryan Bertino
Darsteller:innen: Marin Ireland, Michael Abbott Jr, Xander Berkeley, Julie Oliver-Touchstone
FSK: Ab 16 Jahren
Vertrieb: Drop out Cinema,
Kinostart: 14.04.2022

Offizielle deutsche Filmseite (mit Kinofinder und Spielplan)

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