Mal wieder Coverwelten: Im schlecht ausgeleuchteten Walddunkel hat jemand ein paar trockene Stöcker um einen Baumstamm gestellt. Mensch könnte das ein spärliches Wigwam nennen. Sieht aber eher nach Kinderspiel als nach ersthaftem Survialunterstand aus. Dazu ein postgelbe Randstreifen und eine schlichte, bissig rote Titelgebung. „Thank, i hate it.“ Ja, was denn? Die schäbbige Bude und das Dasein als Waldschrat auf Probe? Oder den Rest der Zivilisation und den Zustand der Gesellschaft, der eine:n in den Wald treibt? Was das alles mit Musik zu tun hat? Die Protoblueser von Gavial bleiben deutungsoffen und ziehen mal wieder ihr eigenes Ding durch. Neues album auf Exiles on Mainstream ab 23 Januar 2026.
Ich könnte ja jetzt das sieben Song starke, etwa 42 Minuten lange neue Album Song für Song durchgehen und ausführlich auf den schon sehr einzigartigen Stil von Gavial eingehen. Spannender finde ich aber gerade die deutungsoffenen Ansätze des Musizierens auf dieser herausragend doomig heavy bluesigen Platte. Also kurz für alle, die es eilig haben: „Thanx, i hate it“ ist ein feines heavy-slow-blues-Album, allerdings nicht so toll wie der Vorgänger „Vor“. Aber wer jenes Teil mochte wird auch mit diesem glücklich.
Ich frag mich schon seit das zweite Vorabvideo veröffentlicht ist, was den ein „Koru Mindset“ ist. Der Song auf jeden Fall, rennt ganz schön los in Richtung Heavy Fuzzrock und ist daher ebenso untypisch für die Band wie kneipenkompatibel. Mindset versteht sich schnell übersetzt als „Denkweise“. Für Koru gibt mir das schlaue Weltweite Zwischen-Netz zweierlei Bedeutungsansätze. Einerseits ist das ein in der Sprache der Maori das Wort für ein noch eingerolltes Farnblatt, zu deuten als Symbol für das entstehende Leben.
Von Wanderlust und Wachstumsschüben
Weiterhin ist Koru der Name der riesigen Segeljacht, die Amazon-Boss Jeff Bezos für eine halbe Milliarde US Dollar bauen ließ. Die größte Segeljacht der Welt sorgte für Schlagzeilen, weil für die ursprüngliche Ausrüstung des Kahns Teile der denkmalgeschützten Koningshavenburg in den Niederlanden hätten abgerissen werden müssen. Fand in Rotterdam keiner geil, weshalb das Boot letztlich andernorts zusammengebastelt wurde.
Und gucke ich mir das Video zu „Koru Mindset“ an, sehe ich da Technikfails größenwahnsinniger Projekte und achtloser Fortschrittsgläubigkeit. Schade für die Maori, das der Bezos für seinen Opti einen poetisch klingenden Namen suchte. Gut für Gavial, dass sich daraus ein durchaus gesellsschaftskritisches Statement manifestieren lässt, das nicht auf den ersten Eindruck offensichtlich ist. Ich mag meine Musik hintergründig.
Drei Viertel von Gavial musizieren bereits seit 2013 oder länger zusammen. Aber das Trio hat beschlossen den Bandnamen zu wechseln, und außerdem noch einen Bassisten mit an Bord zu holen. Seiter wird der heavy electric Blues zu viert dekonstruiert. Beim letzten (hier abgefeierten) Album „Vor“ von 2023 waren die Songs fertig, bevor der Bass mitkomponieren konnte.
Von Größenwahn und und Kontrolle
Nun kreiert der nicht mehr ganz so neue Tiefsaiter musikalisch mit und es tut dem Sound und den Songs der Band gut. Um das auch zu dokumentieren, wurde „Wandern“ in aktueller Besetzung neu eingespielt. Ursprünglich datiert das Lied von 2019 und dem Album „Zorn“. Kann jed:r bei Bandcamp nachhören und auch für „Name your Price“-Geld downloaden, wie die anderen alten Alben des Trios. Und Wandern hört sich schon anders an, und besser, weil raumfüllender und mit mehr emotionaler und ausgedrückter Tiefe. Der Song ist heavier geworden und groovt tatsächlich besser.
Den Groopve haben Gavial ohnehin schon längst für sich gepachtet. Der Album-Opener „Control“(auch bereits als Video-Single ausgekoppelt. Zeugt davon und lädt charismatisch zum Mitwippen ein.
Es gäbe dann noch eine erwähnenswerte Besonderheit: Den Albumabschluss macht eine Cover-Version. „Wicked Games“ von Chris Isaak ist schon mal so etwas wie ein Kulthit und Gavial gelingt es das populäre Lied in ein Bandeigens Klanggewand zu stecken. Das ist aufgrund des Gitarrenhooks schnell identifiziert, aber Gavial zelebrieren das in sieben bluesigen Minuten. Bleibt die Frage, ob der Song weil nicht eigen, an anderer Albumstelle besser aufgehoben wäre? Im Sinne der Soundidentität sicher, doch wenn die Hörerschaft „Wicked Games“ Quasi als Bonus-Track versteht, macht das Ganze schon wieder anders Sinn.
Mit „Thanks, i hate it“ liefern Gavial ein starkes heavy blues album ab, das weitgehend eher am Doom schlurft als an psychedlischen Sounds. Ganz so stark wie „Vor“ ist das aktuelle Output nicht ausgefallen und irgendwie sind 5 neue Kompositionen nun auch nicht sonderlich abendfüllend, wenn mensch mal die Viertelstunde abzieht, die für Neueinspielung und Coverversion draufgehen. Es hätte aus Fansicht gerne ein bisschen mehr sein dürfen. Trotzdem: geile, eigenständige Band, deren Sound sofort meine Blut-Hirn-Schranke überwindet.
Gavial: Thanks, i hate it.
Genre: Heavy blues, Psychedelic Blues Rock
Länge: 7 Songs, 42 Minuten, D, 2026
Interpret: Gavial
Label: Exile on Mainstream
Format: Vinyl & CD Bundle Release, digital
VÖ: 23.01.23026
PS: Ich glaub, ich mag die Veröffentlichungspolitik von EoM, dass Tonträger nur im Bundle kommen,
zu einem fairen Vinyl-Preis.

