Die Frau in Gold: Gestolenes Familienerbe

Kunst in Tür #23 des #Filmadvent: Die „Goldene Adele“ gilt als eines der wichtigsten Werke des österreichischen Malers Gustav Klimt und als eines der herausragenden Zeugnisse des Wiener Jugendstils. Außerdem war „Die Frau in Gold“ Gegenstand eines recht spektakulären Rechtsstreites gegen den österreichischen Staat. Denn das in der Nationalgalerie hängende Portrait wurde im Dritten Reich von den Nazis enteignet. Das hochkarätig besetzte Drama mit Helen Mirren und Ryan Reynolds in den Hauptrollen rollt den Fall auf sehenswerte und emotional überzeugende Weise wieder auf.

Ende der Neunziger Jahre stößt die in Los Angeles lebende Jüdin Maria Altman (Helen Mirren) bei auf ein Schreiben eines österreichischen Anwalts, als sie den Nachlasses ihrer Schwester durchsieht. Juristisch unbeleckt wendet sie sich an den Sohn einer Freundin, die ebenfalls vor den Nazis aus Österreich geflohen ist. Randy Schoenberg (Ryan Reynolds), Nachfahre des Komponisten Arnold Schönberg, hat eigentlich ganz anderes zu tun, als einer alten Freundin seiner Mutter einen Gefallen zu tun. Randy hat gerade einen neuen Job in einer renommierten Kanzlei angefangen, nachdem sein Versuch der Selbständigkeit nicht hingehauen hat.

Es dauert auch ein bisschen, bis Maria und Randy miteinander warm werden. Aber dann findet der ambitionierte Anwalt heraus, dass Maria sich beeilen muss, ihre Ansprüche an die Gemälde geltend zu machen. Er überredet Maria mit ihm nach Wien zu reisen. Die hatte geschworen, nie wieder einen Fuß nach Österreich zu setzen. 1998 trat in Österreich das sogenannte Kunstrückgabegesetz in Kraft. Dessen Sinn war es, die Rückvergütung von Nazi-Beutekunst weniger bürokratisch zu regeln. Doch die Nationalgalerie glaubt rechtmäßiger Besitzer von fünf Klimt-Gemälden zu sein, die einst der Familie von Maria gehörten.

Das Bild der Tante

Vor allem das Portrait ihrer geliebten Tante Adele weckt in der alten Dame familiäre Gefühle. Das ist unter dem Titel „Die goldene Frau“ in der Ausstellung zu sehen und gehört quasi zur kulturelle Identität Österreichs. Doch das Museum und die Restitutionsbehörde legen Maria Steine in dem Weg, als sie ihre Ansprüche geltend macht. Ganz so wie es der österreichische Journalist Hubert Czernin (Daniel Brühl) prophezeit hatte. Man tut sich in seiner Heimat halt schwer mit den Verbrechen der Nationalsozialisten.

Obwohl die Besitzverhältnisse rechtlich keineswegs so eindeutig sind, wie die Museumsleitung gerne behauptet, bleibt Maria der Rechtsweg in Osterreich aus finanziellen Gründen praktisch verschlossen. Zurück in den USA will Maria die Vergangenheit begraben und vergessen, während Randy, der bislang absolut kein Verhältnis zu seiner Familiengeschichte hatte, ins Grübeln gerät.

Der nicht nur in der Kunstszene spektakuläre Rechtsstreit um die Klimt-Gemälde der Familie Bloch-Bauer wurde bereits in dem Dokumentarfilm „Stealing Klimt“ von 2006 filmisch aufbereitet. „Die Frau in Gold“ dramatisiert die Ereignisse und im Mittelpunkt der Handlung steht das zähe Ringen einer alten Dame um Gerechtigkeit. Helen Mirren ist als Maria Altmann hinreißend charmant und eigenwillig.

Restitutionsgesetze

Die ebenso resolute wie mütterliche und dickköpfige Dame gibt der Geschichte mit ihren Familienerinnerungen den Halt- und Angelpunkt. Von ihr aus entwickelt sich ein differenzierter und selten rührseliger Diskurs über die Kultur der Erinnerung. Es geht ihrer Figur weniger um die materielle Bereicherung als vielmehr um die Bewahrung der Familiengeschichte. Die wäre nicht wahrhaftig, solange ihre Tante als anonyme „Goldene Frau“ im Land der Täter zur Schau gestellt wird.

Es ist vor allem der junge amerikanisierte Anwalt, der in „Die Goldene Frau“ erkennt wie wichtige das Bewahren des Gedenkens ist. Zunächst ist es der millionenschwere Wert der Gemälde, die den Juristen an dem Fall reizen. Doch je intensiver sich Randy mit der Materie auseinandersetzt, desto klarer wird die Erkenntnis, wie wichtig es ist, die historische Deutungshoheit in dieser Angelegenheit nicht aus der Hand zu geben.

Erinnerungskultur

Regisseur Simon Curtis inszeniert seine internationale und namhafte Besetzung nach einem Drehbuch von Alexi Kaye Campbell. Der zieht dazu die Lebensgeschichten von Randy Schoenberg und Maria Altman, die 2011 verstorben ist, heran. Es gelingt dem Drama immer wieder auch leichte Töne zu finden und persönlich und emotional nicht prätentiös zu werden. „Die Frau in Gold“ greift erzählerisch immer wieder auf Rückblenden zurück, die im englischen Original auf Deutsch gesprochen sind.

Das geschieht in zwei Zeitebenen: Marias Kindheit und die Zeit kurz vor der Flucht aus Österreich. Während die Kindheit in ein warmes, goldenes Licht getaucht ist, werden die 1930er in kalten harten Farben in Szene gesetzt darauf. Der Naziterror ist präsent und bedrohlich, ohne dabei allerdings überstrapaziert zu werden und vom Wesentlichen dieser persönlichen Geschichte abzulenken.

Sicherlich ist „Die Frau in Gold“ vor allem ein Drama, das seine wahre Geschichte auch publikumswirksam erzählen will. Dazu gehört auch das Justizdrama mit seinem bekannten David gegen Goliath Ausgang. Aber das macht das Thema der Restitution von Nazi-Beutekunst nicht weniger wichtig. Die ist in Österreich auch heute noch nicht abgeschlossen. Im Laufe des Films macht die Privatperson Maria Altmann dem Museum etliche Lösungsvorschläge. Diese werden allesamt ausgeschlagen, weil die Kulturinstitution sich unantastbar und im Recht glaubt. Die Wirklichkeit hat das Gegenteil bewiesen.

Wem es nur um die historischen und juristischen Fakten der „Goldenen Adele“ von Gustav Klimt geht, der ist mit dem Dokumentarfilm „Stealing Klimt“ besser bedient. Aber das fiktionalisierte Drama „Die goldene Frau“ wird den Ereignissen und Personen auf feinfühlige Weise gerecht und ist nicht nur aufgrund der erstaunlich hochkarätigen Besetzung sehr empfehlenswert ausgefallen.

Bewertung: 7 von 10.

Die Frau in Gold
OT: The Woman in Gold
Genre: Drama, Historie
Länge: 105 Minuten, USA, 2015
Regie: Simon Curtis
Schauspiel: Helen Mirren, Daniel Brühl, Ryan Reynolds
FSK: ab 12 Jahren
Vertrieb: Eurovideo/ SquareOne
Kinostart: 01.04.2015
DVD- & BD-VÖ: 12.11.2015

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