Anonymous: Die Oxford-Theorie in der Praxis

Shakespeare & Co hinter Tür #21 im #Filmadvent: Wüssten wir nicht alle gerne, was wäre wenn? Als international renommierter Blockbuster-Regisseur kann man dieser Neugier manchmal nachgehen. Roland Emmerich lässt in seinem Film „Anonymous“ (2011) eine andere Welt untergehen, eine literarische. Shakespeare hat gar nicht selbst geschrieben! Der eigentliche Autor findet sich inmitten der Machtspiele des elisabethanischen England.

Inmitten des heutigen New York ist ein Schauspieler (Derek Jacobi) auf dem Weg zur Bühne. Er steckt in der Rush Hour fest und kommt fast zu spät, um seinen bahnbrechenden Prolog zu rezitieren. Was wäre, wenn der gefeierte William Shakespeare gar nicht der Autor wäre, für den die Welt ihn hält und feiert? Sondern einfach ein narzistischer, des Schreibens unkundiger Schauspieler, der zufällig als Mittelsmann fungiert?` Und zwar, weil der wahre Autor durch gesellschaftliche Zwänge anonym bleiben muss.

Und damit ist „Anonymous“ auch schon mitten drin im elisabethanischen England und in der Zeit in der William Shakespeare (Rafe Spall) gelebt hat. Der fristet sein Dasein als kleiner, mäßig erfolgreicher Schauspieler an einem populären Theater. Die wichtigsten zeitgenössischen Stückeschreiber gehen hier ein und aus. Unter anderem Christopher Marlowe (Trystan Gravelle) und Ben Johnson (Sebastian Armesto). Und das Publikum ist begeisterungsfähig.

Lyrik ist in der Familie verpönt

Eines Tages kommt, eher zufällig Edward De Vere (Rhys Idans), der 17. Earl of Oxford, in das Volkstheater und ist begeistert. Da er selbst einen Hang zur Poesie und zum Drama hat, erkennt er sofort die Macht des Theaters. Nach dem Tod seiner Eltern ist de Vere ein königliches Mündel geworden. Er wächst im Haushalt des Kanzlers William Cecil (David Thewlis) auf. In der puritanischer Familie herrscht von Beginn an eine Rivalität zwischen dem jungen Edward und Cecils Sohn Robert. Lyrik ist in der Familie verpönt.

Da es sich für einen Mann von Adel nicht geziemt zu schreiben, versucht Edward den Dramatiker Ben Johnson als vorgeschobenen Autor zu gewinnen. Doch der zögert. Anders als Will Shakespeare, der seine Chance auf schnelles Geld erkennt. Und die Stücke werden auch aufgrund ihres politischen Inhalts zu riesigen Erfolgen. Diese nun rufen die Sittenwächter Englands auf den Plan. Allen voran William Cecil. Edward gerät indessen in ein Geflecht aus höfischen Intrigen und Machtspielen, da er als möglicher Thronfolger gehandelt wird, sollte Elisabeth sterben, die keine ehelichen Kinder hat.

Regisseur Robert Emmerich brennt auf der Grundlage einer literarischen Theorie über die Shakespeare-Urheberschaft ein Feuerwerk höfischer Ranke ab. Die Oxford-Theorie von er der Film ausgeht, ist seit den 1920ern populär. Zuvor wurde der Philosoph Francis Bacon als heißester Möchtegern-Shakespeare gehandelt. Doch im Grund sind weder Emmerich noch sein Drehbuchautor John Orloff an der literarischen Plausibilität interessiert, die sehr wohl eingeflochten wird. Wichtig ist die Theorie nur als Ausgangspunkt für das höfische Kostümfest, das in zwei unterschiedlichen Zeitebenen das Leben Edward de Veres nachzeichnet.

Die Show muss weitergehen

„Anonymous“ trifft sehr wohl den Zeitgeist und weiß mit der Inszenierung zu überzeugen. Wer sich für „Elisabeth“ oder die „Tudors“ begeistern kann, wird auch von Emmerichs Film gefesselt sein. Dem unvoreingenommenen Zuschauer wird allerdings nicht entgehen, dass es das Drehbuch ausgehend von der „Shakespeare-Verschwörung“ in immer neue Verwicklungen treibt. Es wäre ja immerhin möglich und ist nicht historisch widerlegt. Mir persönlich ist das zu viel, zu spekulativ und entfernt sich zu weit von der Shakespeare-Frage.

Produziert wurde „Anonymous“ in den Babelsberger Studios. Und die Berliner Produktionsstätten entwickelten sich seinerzeit immer mehr zu der renommierten Filmschmiede, die sie einst schon waren. Immer häufiger werden internationale Großproduktionen hier abgedreht und können dem Hollywood-Vergleich mehr als nur standhalten. Auch in „Anonymous“ stimmt bühnenbildnerisch und hinsichtlich der Kostüme der Aufwand.

Emmerichs Entwurf des elisabethanischen London kann ebenfalls überzeugen. Schauspielerisch ist es naheliegend, für ein solch englisches Thema auch zum Großteil britische Darsteller zu verpflichten. Vanessa Redgrave, David Thewlis und allen voran Rhys Ifans gehen in ihren Rollen auf und verleihen „Anonymous“ dramatische Authentizität. Das alles ist sehr gelungen, wenn nicht die Story zu sehr abdriften würde.

Und am Endes stellt sich die Eingangsfrage noch immer: Was wäre wenn? Die Frage ist und bleibt rein akademisch. Shakespeares Werk ist in der Welt und unter diesem Namen ans Licht der Öffentlichkeit gelangt. Das Werk spricht für sich selbst. Wen interessiert da schon der Autor?

„Anonymous“ von Blockbuster-Regisseur Roland Emmerich weiß mit seinem historischen Ränkespiel zu gefallen. Mit opulenten Kostümen, großartigen Darstellern und eine riesigen Portion Macht, Sex und Intrige sollte „Anonymous“ weniger Shakespeare-Fans ins Kino locken als vielmehr die zahlreichen Fans der “Tudors“.

Bewertung: 6 von 10.

Anonymous
OT: Anonymous
Genre: Drama, Historie
Länge: 130 Minuten, USA / D, 2011
Regie: Roland Emmerichs
Schauspiel: Rhys Idans, Vanessa Redgrave David Thewelis, Rafe Spall
FSK: ab 12 Jahren
Vertrieb: Sony Pictures
Kinostart: 10.11.2011
DVD- & BD-VÖ: 05.03.2012

Schreibe einen Kommentar