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69 Tage Hoffnung: Untertage eingeschlossen

11.05.18 (Film)

Mir kam dieser kleine aber feine Film über ein Grubenunglück in Chile, der 2016 in die Kinos kam, wieder in den Sinn, als ich „Kameradschaft“ von Georg Wilhelm Pabst guckte. „69 Tage Hoffnung“ oder „The 33“ wie der Film im Original heißt, erzählt so ganz anders als Pabsts Parabel von 1931 und reflektiert dabei auch das Medienspektakel, das die Rettungsaktion seinerzeit 2010 begleitete.

Bergbau ist eine der wichtigsten Wirtschaftsäulen des südamerikanischen Staates Chile. Seit Jahrzehnten wird in der Hochebene der Atacama-Wüste nach Gold, Platin, Litium und anderen Erzen gegraben. Bergmann Mario Sepulva (Antonio Banderas) hätte eigentlich frei gehabt, g auch frei gehabt, fragt den Vorarbeiter Don Lucho (Lou Diamond Phillips) aber aus Geldknappheit um eine Extraschicht. Don Lucho waren in der Mine San Jose besorgniserregende Risse im Gestein des Berges aufgefallen, aber von Bedenken will die Chefetage nichts hören. Immerhin wird die Mine seit 1889 betriebenen.

Am 5. August 2010 kommt es, wie es kommen muss: Eine schlagartige Verlagerung der Spannung in dem ausgehölten Gestein, ein so genannter Bergschlag tritt auf, und versetzt das Innere der 700 Meter tiefen Bergbaugrube. Die 33 Arbeiter aus Marios Schicht flüchten sich in einen 25 Quadratmeter großen Schutzraum, doch dort ist weder die Ausstattung brauchbar, noch funktionieren die vorgesehenen Fluchtschächte.

Vor Ort haben sich schnell Angehörige versammelt, um zu erfahren, was mit ihren Männern geschehen ist. Unter ihnen auch María (Juliette Binoche), deren alkoholkranker Bruder ebenfalls verschüttet wurde. Die Betreibergesellschaft der Mine hält eine Rettungsaktion für undurchführbar und hat die Arbeiter schon abgeschrieben. Der chilenische Bergbauminister Laurence Golborne (Rodrigo Santoro) beschließt Regierungsgelder einzusetzen, um den Kumpels zu helfen, als er von dem Unglück erfährt. Ein aufwändiger Rettungsversuch unter der Leitung des Ingenieurs Andre Sugarret (Gabriel Byrne) wird anberaumt und die Medien berichten von dem katastrophalen Ereignis. Doch die Bergungsarbeiten ziehen sich hin und bald wird ein notdürftiges Dorf für die Angehörigen und die Helfer errichtet.

Untertage waren die Nahrungsvorräte gerade mal für einige Arbeiter und wenige Tage bemessen, doch die 33 Kumpel verhalten sich von Beginn ihrer Verschüttung an extrem diszipliniert und solidarisch. So gelingt es ihnen mit dem wenigen, das ihnen zur Verfügung steht, deutlich länger auszuhalten als gehofft. Die komplizierten Bohrungen in dem harten Gestein, treffen irgendwann auf den Rettungsraum und zumindest die Versorgung der Bergarbeiter ist vorerst gesichert.

Man könnte argumentieren, dass die Ereignisse auf die sich „69 Tage Hoffnung“ bezieht, noch relativ frisch im Gedächtnis sind und dem Katastrophendrama daher viel Spannung flöten ginge. Die internationale Besetzung kann man zudem ebenfalls kritisch sehen und als eine typische Hollywood-Wertschöpfung abtun. Wenn man allerdings am Ende erfährt, dass die 33 Kumpel von ihrem Arbeitgeber keinerlei Entschädigung erhalten haben, möchte man hoffen, dass sie von der Verfilmung ihrer Geschichte, die Hektor Tobar bereits in einem Buch erzählt hatte, auch profitieren mögen. Die schöne Schlussszene der echten Bergleute am Strand könnte dies durchaus nahelegen.

69 Tage Hoffnung““ funktioniert trotz aller möglichen Einwande als spannende und emotional inszenierte Rettungsgeschichte, selbst wenn das glückliche Ende bekannt ist. Dabei kann sich Regisseurin Patricia Riggen („La Misma Luna“, 2007) auf einen gut aufspielenden Cast verlassen, der die einzelnen Schicksale während dieses Grubenunglücks mitfühlend transportiert. Selbstredend gibt es auch einige ikonenhafte Schlüsselbilder, das gehört einfach dazu.

Genauso spannend wie das Geschehen unter Tage ist jenes vor den Toren der Mine, das der Film durchaus auch kritisch beleuchtet, die dauerpräsenten Medien, die politischen Versprechungen und die verzweifelten Angehörigen ergeben eine seltsame Melange, die sich mit fortschreitendem Erfolg der Rettungsaktion zu einem kleinen Volksfest ausweitet.

Als der Film bei uns im Februar 2016 in die Kinos kam, waren Wochen zuvor in China gerade erst vier Bergarbeiter 36 Tage nach einen Grubenunglück gerettet worden. Das war freilich ein Ausnahmefall. Jährlich sterben weltweit noch immer etwa 22 000 Bergarbeiter. Umso aufsehenerregender, wenn die verschütteten Kumpel noch geborgen werden können. Auch daraus bezieht „69 Tage Hoffnung“ seine Relevanz. Wie auch 1963 beim Wunder von Lengede war die Rettung der 33 in San Jose auch ein Medienspektakel.

Während außen Medienschelte angesagt ist, setzt das Script im Berginneren voll auf die Solidarität der 33. Mit überzeugender Emotionalität und auch mal mit vertretbaren Pathos wird das Gruppengefüge inszeniert. Aus dramaturgischen Gründen werden einige Charaktere herausgehoben, wie etwa Vorarbeiter Don Lucho und Familienvater Mario. Aber auch viele der anderen Verschütteten erhalten ein Gesicht und eine eigene Geschichte. Spannend und erstaunlich gut beobachtet sind jene Szenen, als die eingeschworenen Überlebensgemeinschaft Hoffnung schöpft. Auch die Versorgung mit diversen Konsumgütern und Zeitungen ist erstaunlich. Hier zeigt sich, wie zerbrechlich eine Gemeinschaft sein kann.

Das Drama „69 Tage Hoffnung“ über das Grubenunglück im chilenischen San Jose ist ein überraschend sehenswerter Film geworden. Spannendes, gut inszeniertes und Mut machendes Kino.

Movie Rating: ★★★★★★★☆☆☆ 

69 Tage Hoffnung
OT: The 33
Genre: Drama, Biografie
Länge: 127 Minuten,
Regie: Patricia Riggen
Darsteller: Antonio Banderas, Lou Diamond Phillips, Juliette Binoche, Gabriel Byrne
FSK: ab 12 Jahren
Vertrieb: Warner
Kinostart: 11.02.2016
DVD- & BD-VÖ: 14.07.2016

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