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Schneemann: Warten auf Tauwetter

18.10.17 (Film, Literatur)

Gerade ist in Deutschland „Durst“, der jüngste und inzwischen elfte Roman um den Osloer Kommissar Harry Hole, an die Spitze die Bestsellerlisten geklettert, da startet auch auf der Kinoleinwand eine Jo Nesbø Verfilmung um den norwegischen Kommissar: In „Schneemann“ bekommt es der saufende Harry Hole mit Norwegens erstem Serienkiller zu tun. In der aufwändigen und prominent besetzten Thriller-Verfilmung ist allerdings nicht alles Schnee, was eisig glänzt.

„Schneemann“ ist eigentlich der siebente Roman um Harry Hole und Jo Nesbøs führt hier erstmals Horrorelemente in seine Thriller-Serie ein. Das mag auch dafür verantwortlich gewesen sein, dass „Schneemann“ in den USA und vor allem im Vereinten Königreich ein Bestseller war. Als Auftakt einer geplanten Film-Reihe um den kettenrauchenden Kommissar mit dem Alk-Problem ist „Schneemann“ also eine feine Wahl. Aber ob es zu einer Film-Reihe kommen wird, wie das bei den Jussi Adler Olsen Romanen um Cark Mörk, oder bei dem von Tom Cruise gespielten Jack Reacher der Fall ist, darf bezweifelt werden, denn das Filmprojekt „Schneemann“ ist scheinbar durch zu viele Hände und Entwicklungsstadien gegangen, um wirklich zu überzeugen.

Aber worum geht es überhaupt? Im winterlichen Oslo verschwinden spurlos junge Mütter. Vor ihren Häusern steht jeweils ein Schneemann im Garten. Sonst scheint es bei den Fällen keine Gemeinsamkeiten zu geben. Kommissar Harry Hole (Michael Fassbender) hat momentan eher mit seinem Alkoholismus zu kämpfen als mit Verbrechen. Nach einer mehrtägigen Sauftour wartet die Post einer ganzen Woche auf dem Kommissariat; unter anderem eine mysteriöse Nachricht, die mit einem Schneemann unterzeichnet ist. Nun untersucht Hole die Vermisstenfälle zusammen mit der jungen Kollegin Katrin Bratt (Rebecca Ferguson) aus Bergen. Die Ermittlungen treten lange auf der Stelle, doch dann gibt es Anzeichen auf frühere Verbrechen nach dem selben Muster. Eigentlich will sich Harry Hole um Oleg, den Sohn seiner EX-Freundin Rakel (Charlotte Gainsbourg) kümmern, aber ihm kommt immer etwas dazwischen. Zumindest scheint Rakels neuer Freund, der Arzt Mathias, ganz nett zu sein und verschreibt dem schlaflosen Kommissar ungefragt ein neues Schlafmittel.

Es ist schon befremdlich, wenn in den Trailern zu einem Film Sequenzen auftauchen, die in der finalen Leinwandfassung dem Schnitt zum Opfer gefallen sind. Regisseur Tomas Alfredson („So finster die Nacht“, „Dame, König, Ass, Spion“) drehte den „Schneemann“ 2016 in Norwegen. Anfang 2017 musste noch nachgedreht werden. Und das, bei einem Filmprojekt, welches sowieso schon seit Jahren in der Pipeline lag und mit Hossein Amini („Drive“, „47 Ronin“), Peter Straughan („Dame, König, Ass, Spion“, „Männer, die auf Ziegen starren“) und dem dänische TV-Serien-Autor Søren Sveistrup („Kommissarin Lund“) gleich drei eigentlich souveräne Drehbuchautoren am Werk waren.

Vielleicht haben zu viele Köche den Thriller-Brei verdorben. Auf jeden Fall ist die Erzählstruktur mit diversen Rückblenden und drei Zeitebenen etwas konfus geraten und die Charaktere sind schlicht sehr stereotyp ausgefallen. Für einen Kult-Kommissar ist das zu wenig. Da kann auch Michael Fassbender („X-Men“, „Song to Song“) nicht mehr viel retten. Herausragend ist jedenfalls keine der Darstellerleistungen.

Auch der Look von Tomas Alfrtedsons Thriller-Version ist recht speziell: Was bei „Dame,König,Ass, Spion“ noch gewollt retro und fast antiquarisch aussah, wirkt in „Schneemann“ vor allem manieriert und als nicht stimmiger Kunstgriff. Sicher, es ist schwer in dem ausdefinierten Thriller-Subgenre „Nordic Noir“, das neudeutsch so ziemlich alle skandinavischen Thriller umfasst, noch Akzente zu setzen, aber inhaltliche Qualität der Story setzt sich eigentlich immer durch.

Die aber fehlt in der Verfilmung von „Schneemann“ auf abstruse Weise. Wenn man so will, scheint Jo Nesbøs Thriller „Schneemann“ zwei große gesellschaftliche Themen zu haben: Alkoholismus als mehr oder minder tolerierte Suchtkrankheit und das Aufwachsen ohne Vater, das sich durch diverse Ebenen der Story zieht. Beiden Themen wird der Kinofilm nicht gerecht und kommt nicht einmal im Ansatz dahin, die Psychologie der Betroffenen zu ergründen. Schade eigentlich, hatte Jo Nesbø mit „Schneemann“ doch einen sowohl spannenden und düsteren als auch cleveren Thriller verfasst, der mit großer Sogwirkung ein Bestseller geworden ist.

Mehr als Gere-übliche Thriller-Unterhaltung hat die Verfilmung von Jo Nesbøs Thriller-Bestseller „Schneemann“ leider nicht zu bieten. Die namhafte Besetzung kann keine Akzente setzen und eine verworrene Erzählstruktur kappt zu häufig die Spannung.

Movie Rating: ★★★★★☆☆☆☆☆ 

Schneemann
OT: The Snowman
Genre: Thriller, Crime
Länge: 115 Minuten, USA, 2017
Regie: Tomas Alfredson
Darsteller: Michael Fassbender, Rebecca Ferguson, J.K. Simmons,
FSK: ab 16 Jahren
Vertrieb: Universal
Kinostart: 19.10.2017

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