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Mr Long: Suppenküchenkiller wider Willen

11.09.17 (Film)

Ehrlicher Weise muss ich gestehen, dass das umfangreiche Schaffen des japanischen Schauspielers und Filmmachers SABU bislang im Wesentlichen an mir vorbeigerauscht ist. Nun bringt Rapid Eye Movies bis zum Jahresende gleich zwei Werke von SABU in die deutschen Kinos. Das absurd-komische Drama „Happiness“ startet Ende November und in dieser Woche kommt die blutige Thriller-Komödie „Mr. Long“ hierzulande in die Kinos. „Mr. Long“ ein Gangster-Film, der genreübliche brutal ausfällt, aber das Genre auch um eine erstaunliche Freundschaft und einige humorige Wendungen bereichert. Insgesamt ist „Mr. Long“ aber wohl eher nichts für schwache Nerven.

Während sich eine Bande Gauner nach einem Raub noch Geschichten erzählt und auf den letzten Nachzügler wartet, ist der Killer schon längst da, um den Dieben die Beute wieder abzujagen. Mr. Long (Chen Chang), so der Name des Auftragskillers, der in Taiwan für ein großes Syndikat arbeitet, bevorzugt das Messer als lautlose Waffe. Als Mr. Long in Japan einen Auftrag erledigen soll, geht dieser gründlich schief und der Killer selbst kann nur unter größter Mühe entkommen.

In einer heruntergekommenen, verlassenen Vorstadtsiedlung wacht Mr. Long wieder auf. Ein neugieriger Junge schmeißt dem Fremden Gemüse zu, damit der sich was zu essen machen kann. Anschließend macht sich Long daran, in den leer stehenden Häusern Kochgeschirr aufzutreiben und eine Suppe zu kochen. Wie sich herausstellt, heißt der Junge Jun (Runyin Bai) und seine Mutter stammt wie Mr. Long aus Taiwan, ist in Japan aber in Drogensucht und Prostitution gerutscht.

Für seine Notfall-Rückkehr nach Taiwan, braucht Mr. Long Geld. Und während der Killer noch überlegt, wie er an selbiges kommt, hat er Juns Mutter bereits auf kalten Entzug gesetzt und die erwachsenen Freunde und Nachbarn des Jungen derart mit seinen Kochkünsten beeindruckt, dass sie ihm dabei helfen, eine mobile Suppenküche aufzubauen. Damit soll der unbekannte Schweiger seinen Lebensunterhalt verdienen. Longs chinesische Rindersuppen werden schnell zum Geheimtipp.

Ein Killer und ein Kind standen bereits in Luc Bessons „Leon, der Profi“ im Mittelpunkt eines actiongeladenen Genrethrillers. Aber der japanische Filmmacher SABU, der eigentlich Hiroyuki Tanaka heißt, kopiert keineswegs, sondern experimentiert mit dieser Figurenkonstellation, um auszuloten, wie sehr sich der Traum vom anderen Leben, die Hoffnung auf einen Ausstieg tatsächlich realisieren lässt. Dabei ist eigentlich nicht klar, ob sich Mr. Long tatsächlich ein Familienleben als Koch vorstellt oder wünscht, oder ob er die Situation einfach erduldet. Bezüglich der Liebesgeschichte ist SABUs „Mr. Long“ allerdings weit weniger experimentell als das erstaunliche und hinreißend trashige Gangster-Musical „Ruined Heart“ des indonesischen Independent-Regisseurs Khavn. Dessen Filme (u.a. „“Mondo Manila“) werden hierzulande übrigens auch bei Rapid Eye Movies vertrieben.

Nicht nur aufgrund seiner tollen Besetzung und der souverän inszenierten Bilder ist das Gangster-Drama „Mr.Long“ des japanischen Filmmachers SABU ein ungewöhnlicher und schöner Film. Dessen Schönheit liegt wie so häufig im modernen Film allerdings auch unter etlichen brutalen und blutigen Bildern versteckt. Dabei zeigt sich aber das gute Auge von Regisseur und Kameramann für ungewöhnliche Settings und wohl komponierte Bilder.

Unabhängig davon, dass die Aussage von „Mr. Long“ sich schwerlich auf einen Punkt reduzieren lässt und der Film vielmehr eine Art soziologische Versuchsanordnung ist, entfaltet das souverän erzählte Gangster-Drama einen fesselnden Charme, der nicht nur von dem ausgesprochen lässig agierenden taiwanesischen Star Chen Chang ausgeht, sondern auch von der Menschlichkeit, die sich durch viele der Szenen zieht. „Mr. Long“ erzählt auch fast in der Art eines Ken Loach von Solidarität am unteren Rand der Gesellschaft und weist damit auch auf gesellschaftliche Probleme in Japan hin, die sonst in japanischen Filmen kaum präsent sind: Armut, Fremdenfeindlichkeit, Ghettoisierung, Verfall von Sozialstrukturen.

Dem Killer mit dem Kochtalent wird derart viel Hilfsbereitschaft und Mitmenschlichkeit zuteil, dass er sich einfach nicht entziehen kann. Das wirkt zwar bisweilen etwas kitschig, sorgt aber für positive Vibes. Die gehen auch auf den Zuschauer über und über weite Strecken ist die lebensbejahende Energie von „Mr. Long“ so dominant, dass man fast vergisst, in einem Gangster-Thriller zu sitzen. Das richtiges Leben im falschen ist allerdings auch bei Filmmacher SABU nicht zu haben und die Realität holt die Charaktere wieder ein.

Mit seinem erstaunlichen und Gangster-Thriller „Mr. Long“ erzählt der japanische Filmmacher SABU von den Gestrandeten und Gestrauchelten. Das ist bisweilen anrührend und komisch, aber auch ziemlich blutig, auf jeden Fall aber herausragend gefilmt und absolut sehenswert.

Movie Rating: ★★★★★★★★☆☆ 

Mr. Long
OT: Ryu san
Länge: 128 Minuten, J/D/HK 2017
Genre: Action, Crime, Drama
Regie: SABU
Darsteller: Chang Chen, Shô Aoyagi, YiTi Yao, Runyun Bai
FSK: ab 16 Jahren
Vertrieb: R.E:M. (Rapid Eye Movies)
Kinostart:14.09.2017

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