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The Missing – Staffel 1: Worst Case Holiday Scenario

05.05.17 (TV-Serien)

Während in ZDF noch der Sonntagskrimi „The Missing“ zu sehen ist, haben Pandastorm und Edel die britische Serie für das Home Entertainment als Blu-ray und DVD-Premiere zeitgleich zum TV-Start herausgebracht. Der kleine Sohn eines englischen Ehepaares verschwindet während der Fußball-WM 2006 in Frankreich spurlos. Die Thriller-Serie mit Frances O’Connor, James Nesbitt und Tchéky Karyo in den Hauptrollen bekam ziemliches Kritikerlob, vor allem wegen seiner Erzählweise. Aber dazu gleich mehr. Übrigens, es braucht niemand, wegen der „Staffel 1“ im Titel in Panik zu verfallen. Die Suche nach dem kleinen Oliver wird in dieser Staffel abgeschlossen, die nächste Serien-Saison widmet sich einem anderen Fall des Ermittlers.

Während der Fußballweltmeisterschaft 2006, die in Deutschland stattfand, fährt das englische Ehepaar Emily (Frances O’Connor) und Tony Hughes (James Nesbitt) mit ihrem kleinen Sohn Oliver in den Sommerurlaub nach Frankreich. Doch im Norden Frankreichs macht das Auto schlapp und die Familie ist gezwungen, in dem kleinen (fiktiven) Örtchen Chalon Du Bois einen Zwischenstopp einzulegen. Man checkt in ein freundliches kleines Hotel ein und versucht das Beste aus der Situation zu machen.

Ein Elternalprtraum: Wo ist das Kind?

Als Tony und Oliver einen Nachmittag im Schwimmbad verbringen, verliert der Vater in dem Gewimmel des Public Viewings in der Bar des Schwimmbades seinen Sohn aus den Augen. Trotz fieberhafter Suche, bleibt Oliver unauffindbar. Schnell ist die örtliche Polizei eingeschaltet und auch die junge Polizistin Sylvie (Laurence Renaud) wird von der Familie hinzugezogen, da sie Englisch spricht. Die groß angelegte Suche nach dem vermissten Kind bringt keine schnellen Ergebnisse und der erfahrene Ermittler Julien Baptiste (Tchéky Karyo) aus Paris übernimmt den Fall, obwohl er kurz vor der Rente steht. Alle Bemühungen helfen nicht, Oliver bleibt verschwunden.

Acht Jahre später kehrt Tony Hughes nach Chalon du Bois zurück und geht einer scheinbar neuen Spur nach. Doch Sylvie, inzwischen zur Kommissarin befördert, will die Ermittlungen nicht wieder aufnehmen. Dafür bekommt der pensionierte Baptiste Wind von der Sache und beschließt, Tony Hughes‘ Spur nachzugehen, damit dieser den Einwohnern des kleinen Ortes nicht länger die Geduld raubt. Doch es scheint, als hätte Tony tatsächlich etwas Stichhaltiges gefunden.

Inspiriert von tatsächlichen Vorfällen?

Mit ihrer mehrfach ausgezeichneten Thriller- und Mystery-Serie „The Missing“ haben die Drehbuchautoren, das Brüderpaar Harry und Jack Williams, ein reales Vorbild aufgenommen, aber – da mag sich der Zuschauer nicht täuschen lassen – auch erheblich fiktionalisiert und an diversen genretypischen Schrauben gedreht. Im Endergebnis ist das Verschwinden Olivers so weit von den tatsächlich feststehenden Fakten im Fall „Maddy“ entfernt, dass man gleich von Beginn an gut daran tut, den medial sehr präsenten Vermisstenfall von 2007 nicht als Parallele heranzuziehen, oder gar die Serie als eine Interpretation der damaligen Vorgänge zu begreifen.

Nur noch einmal kurz zusammengefasst: Während ihres Urlaubes 2007 an der portugiesischen Algarve verschwindet Madeleine, die vierjährige Töchter des britischen Ehepaars McCann spurlos. Die Suche macht schnell Schlagzeilen und ein reicher Brite lobt eine Belohnung aus. Die Suche bleibt erfolglos, wird 2011 aber wieder aufgenommen. Zwischenzeitlich gerät auch das Elternpaar unter Verdacht und Maddy bleibt bis heute verschwunden.

Figurengewimmel und Zeitensprünge

Aber zurück zu „The Missing“: Die Story, die von dem erfahrenen TV-Serien-Regisseur Tom Shankland („Ripper Street“, „Dirk  Gently“, „The Fades“) souverän in Szene gesetzt wird, montiert von Beginn an zwei Zeitebenen nebeneinander. Zum einen die obsessive Rückkehr des verzweifelten Vaters an den Ort, wo sein Kind verschwunden ist, und zum anderen die Chronologie der damaligen Geschehnisse.

Das sorgt für eine gewisse Spannung in der jüngeren Erzählebene, weil man einfach nicht weiß, was damals vorgefallen ist, andererseits aber auch für einen Informationsüberschuss bezüglich des eigentlichen Verschwindens, womit sich die Hoffnung auf ein Happy End schnell auflöst. Dass aus diesem Erzählkonzept allerdings eine gewisse Suspense im Hitchcock‘schen Sinne erwächst, liegt an der Dosierung der Informationshäppchen und der anfangs sehr vage bleibenden Figuren-Charakterisierung.

Einige Verwirrungen stellen sich ziemlich schnell ein, denn schon zu Beginn ist klar, dass die Ehe der Hughes den Verlust des Sohnes nicht überstanden hat, dass Emilys neuer Partner allerdings der englische Verbindungsoffizier Mark Walsh (Jason Flemyng) von damals ist, gibt der Beziehungsdynamik einen gewissen Kick. Gleiches gilt für so ziemlich alle anderen Figuren:  Die Gegenüberstellung von Ausgangsgeschehnissen und ihrer Entwicklung acht Jahre später ist an sich schon interessant und wird mit diversen Zweifeln und Andeutungen auch noch kriminalistisch aufgeladen. Aus dieser Methode zieht „The Missing“ zumindest in der ersten Staffel, die den Fall Oliver Hughes umfassend und auch abschließend beleuchtet, seinen Charme und seinen Reiz als Serie.

Andererseits führt die Machart dazu, dass einige Szenen von 2006 nicht die kriminalistische Spannung entfalten, die von den Machern eigentlich gewünscht ist. Als Zuschauer weiß man eben schon, oder nimmt (meist richtig) an, dass auch diese Spur und dieser Verdächtige ins Nichts führen. Letztlich präsentiert „The Missing“ dann aber doch eine Auflösung. Als Thriller- und Mystery-Serie steht „The Missing“ ganz in der Tradition der ersten Staffel von „Komissarin Lund“, in der es ebenfalls um ein vermisstes Kind ging. In Großbritannien wurde die Serie häufig mit dem ebenfalls hochgelobten „Broadchurch“ verglichen.

So viele Spuren…

Und die Ermittlungen lenken die Aufmerksamkeit auf etliche Spuren und Aspekte des Falles, kommen über Entführung und Kindesmissbrauch auf organisierten pädophilen Menschenhandel, schwenkt ins Drogenmilieu und auch in die nicht so biedere Vergangenheit der Eltern. Dabei bekommen korrupte Polizisten und ruchlose Medien ebenso ihr Fett weg wie die psychologischen Auswirkungen des Kindes-Verschwindens bei allen Beteiligten ausgelotet werden.

Und gerade der Aspekt glaubhafte psychologische Darstellung macht es so wichtig, dass die Darsteller zu überzeugen wissen. Mit den Hauptdarstellern Tchéky Karyo („James Bond – Golden Eye“, „Der Patriot“, „Doberman“) Frances O’Connor („Teuflisch“, TV-Serie „Mr. Selfridge“) und James Nesbitt („Der Hobbit“, „Jekyll“) ist das gewährleistet. Ihre nuancierte Darstellung überzeugt und zeigt die ganze Bandbreite emotionaler Befindlichkeiten, die die Situation ihnen abringt. Eine Entdeckung hingegen sind die ebenfalls sehr überzeugend agierenden Arsher Ali („Remainder“) als Journalist Malik Suri und Titus de Voogdt („Cafe Belgica“, „Code 37“) als Verdächtiger Vincent Bourgh. Bourgh hat einen pädophilen Hintergrund, steht schnell auf der Liste der Verdächtigen, kommt aber 2006 wieder frei. Wenn der Zuschauer Bourgh 2014 wieder begegnet, ist der getriebene Mann bei dem verzweifelten Versuch seine Neigungen als pharmazeutisches Versuchskaninchen in den Griff zu bekommen.

…so viele Verdächtige

Es ist auch eine Stärke von „The Missing“ bei so viel aufgefahrenem Personal, vielen der Charaktere auch tatsächlich einigermaßen gerecht zu werden und sie nicht nur als Statisten und vermeintliche Verdächtigen im „Who dunnit“ durchs Bild zu schieben. Als Zuschauer ist man schon gefragt, aufmerksam zu bleiben. Letztlich hätten der Serie aber dann doch einige Wendungen weniger auch ganz gut zu Gesicht gestanden. Vor allem in der Mitte der acht Folgen, stellt sich das Gefühl ein, auf der Stelle zu treten und von den Drehbuchautoren erneut vergeblich um den Block gehetzt zu werden. Anders als sonst häufig üblich, wenn der ZDF-Sonntagskrimi für das Home Entertainment erscheint, werden keine spielfilmlangen Doppelepisoden auf die Silberlinge gebannt, wie sie im ZDF ausgestrahlt werden, sondern Pandastorm hat sich entschieden, das originale Serienformat mit acht Folgen von jeweils 60 Minuten Länge zu präsentieren. Es gibt zwar auch einige Extras, aber die sind zu vernachlässigen:  Neben Episodenkommentaren sind noch zwei jeweils trailerlange Featurettes enthalten.

Die von BBCOne und Starz koproduzierte Thriller-Mystery-Serie „The Missing“ punktet mit britischer Qualität und großartigen Darstellern. Zwar hätten es einige Handlungswendungen weniger sein können, aber die frische Erzählweise und die großartigen Darsteller machen das wieder wett. Freunde psychologischer Kriminalkost können bedenkenlos zugreifen. 

Movie Rating: ★★★★★★★☆☆☆ 

The Missing – Staffel 1
OT: The Missing – Season 1
Genre: TV-Seri, Thriller, Mystery, Krimi
Länge: 480 Minuten (8 x 60), GB/USA/B, 2014
Drehbuch: Jack Williams, Harry Williams
Regie: Tom Shankland
Darsteller:  Tchéky Karyo, James Nesbitt, Frances O’Connor, Émilie Dequenne
Extras:  Episodenguide, Featurettes, Episodenkommentare
FSK:  ab 16 Jahren
Vertrieb: Pandastorm, Edel
DVD- & BD-VÖ: 20.04.2017

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