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Gaza Surf Club: Ein bisschen Freiheit

28.03.17 (Doku)

Über das Leben in Palästina ist hierzulande eigentlich kaum etwas bekannt. Das Thema taucht nur in den Nachrichten auf, wenn beispielsweise gerade der palästinensische Präsident Mahmud Abbas bei Kanzlerin Merkel zu Gast ist und für eine Zweistaatenlösung wirbt. Aber auch dann geht es nicht um die Menschen in Palästina. Mit Junktion 48 war vor kurzem schon ein Spielfilm über einen palästinensischen Rapper in den deutschen Kinos zu sehen, nun beleuchtet ein Dokumentarfilm den Surf Spot Gaza. Hört sich absonderlich an und ist es auch, aber ein paar Wellenreiter gibt es auch dort.

Kurz zur Verortung, damit der Kinozuschauer auch die geographische Lage versteht: Das relativ überschaubare Küstengebiet um Gaza-Stadt  nimmt innerhalb des Nahost-Konfliktes zwischen Irael und Palästina eine Sonderstellung ein, weil es vom Westjordanland, dem Hauptgebiet palästinensischer Autonomie,  räumlich getrennt ist. Insofern ist Gaza eine eingeschlossene Stadt, die von den Bewohnern durchaus als von Israel belagert angesehen wird. Die Küste ist kaum zugänglich und im Hafengebiet sind Schwimmen und Wassersport auch verboten, angesichts der politischen Lage hat aber sowieso kaum jemand Lust, sich im Wasser zu verlustieren. Auch ein Strandleben wie bei uns in den Sommermonaten gibt es in Gaza nicht.

Aber ein paar Ausnahmen hat die Doku von Philip Gnadt und Mickey Jamine allerdings doch vor die Kamera bekommen. Sie alle verbindet die Leidenschaft für das Surfen. Mittvierziger Abu Jayab ist eigentlich Fischer und lebt am Strand. Er verdient nicht viel und versteht sich als Mentor der jungen Surf-Community in Gaza.  Ibrahim träumt davon einen richtigen surf Club aufzubauen und die junge Sabah ist mit dem Wellenreiten groß geworden, darf nun aber aus religiösen Gründen nicht mehr im Neoprenanzug aufs Wasser. Sabah wurde als Kind eine gewisse Berühmtheit zuteil, weil ausländische Filmteams  sie beim Surfen filmten.

Den Filmemachern geht es in „Gaza Surf Club“ weniger darum, eine spektakuläre Sportdoku zu drehen, als vielmehr das Lebensgefühl und die Hoffnungen der Palästinenser in Gaza einzufangen. Und das gelingt auch recht trefflich. Egal, ob Ibrahim davon träumt auf Hawaii ein Praktikum in einer Surf-Brett-Fabrik zu machen, was zu filmbeginn noch am Visum scheitert, Sabah trotz religiöser Einschränkungen immer noch von ihrem Vater bei ihrem Wassersport unterstützt wird, oder Abu Jayab darüber philosophiert, wie wenig Hoffnung es in Gaza (und Palästina) gibt, Die Kamera ist nah an den Menschen und der sehnsuchtsvolle Blick geht hinaus aufs Meer.

Da ist es auch unerheblich, dass die Surfaufnahmen selbst ganz nett anzusehen sind, aber nur wenig Filmanteil ausmachen und man das Ganze auch schon aufwändiger gesehen hat. Denn wo es kein Equipment gibt und auch keine Lehrer, ist es auch mit dem Surf-Qualitäten der jungen Surfer nicht weit her. Und trotzdem vermitteln die wenigen sportaufnahmen eine Idee davon, wie es sein könnte und welche Unbeschwertheit und Leichtigkeit das westliche Leben zu bieten hat.

„Gaza Surf Club“ kommt im Prinzip ohne große Dramaturgie aus, was der Langzeitbeobachtung der Protagonisten zu Gute kommt und den Film quasi mit einem offenen Ende ausstattet, das dann weit über den eigentlichen Betrachtungsgegenstand hinausreicht als Ibrahim endlich sein Visum für die USA bekommt und dann dort beschließt, nicht gleich nach Gaza zurückzukehren, sondern zunächst dort sein Glück zu suchen.

Der Dokumentarfilm „Gaza Surf Club“ schafft es, am Beispiel einer kleinen exotischen Sportgemeinschaft unerwartet alltägliche Einblicke in das Leben in Gaza zu werfen und damit das Tor zu einer unbekannten Welt, die sich von der unsrigen doch erheblich unterscheidet, aufzustoßen. Eine große Wirkung dieser kleinen Produktion.

Movie Rating: ★★★★★★★☆☆☆ 

Gaza Surf Club
Genre: Dokumentation
Länge: 2016, ca. 86 Minuten, D/USA/ Palästina2016
Regie: Philip Gnadt, Mickey Yamine
Kamera: Niclas Reed Middleton
FSK: ohne Altersbeschränkung
Vertrieb: Little Bridge Pictures / Farbfilm
Kinostart: 30.03.2017

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