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Henri Lefebvre: Das Recht auf Stadt

24.03.16 (Literatur)

nautilus_pbAls Schlagwort geistert „Das Recht auf Stadt“ schon seit einigen Jahren durch die Großstädte der Welt, immer auch mit dem Verweis auf den Autor dieses Begriffes Henri Lefevbre. Erstaunlicher Weise war dessen gleichnamige Schrift von 1968 bislang nicht in deutscher Übersetzung zu haben. Die Edition Nautilus hat nur Abhilfe geschaffen und Lefevbres kleines Büchlein zum Neudenken der Stadt in der Reihe Nautilus Flugschriften veröffentlicht. Eine lesenswertes gut editiertes aber auch forderndes Werk, das auch so viele Jahre nach seiner Entstehung nichts an Relevanz für das Urbane Zusammenleben und Zusammendenken verloren hat.

Henri Lefebvre war ein französischer Soziologe, Geograph und Philosoph und gilt heute als ein wichtiger linksintellektueller Denker. Lefvbres Werk ist geprägt von marxistischer Philosophie, aber aus der Kommunistischen Partei schloss man den Querdenker 1958 aus. Außerdem gilt der intellektuelle Vater der „Recht auf Stadt“-Bewegungen, die sich rund um den Globus entwickelt haben, als einer der wichtigen Einflüsse der Pariser Studentenrevolten von 1968.

1968 entstand als eines von vier Büchern, die Lefevbre in diesem Jahr veröffentlichte, auch „Das Recht auf Stadt“ (OT: „Le droit à la ville“), ein philosophischer Ausflug in die Geschichte und Entwicklung des urbanen Zusammenlebens. Darin macht der Intellektuelle einen Wandel des städtischen Charakters im Lauf der Jahrhunderte aus. Vor allem seit der Industrialisierung und der zunehmenden Ausbreitung des Kapitalismus hat sich das räumliche Konstrukt Stadt, das zugleich auch ein gedanklicher Raum ist, seiner Meinung vor allem negativ für die Einwohner entwickelt. Daraus entwickelt Henri Lefevbre das „Recht auf Stadt“, auf lebenswerte Lebensumstände und ein kommunikatives Mit-und Nebeneinander innerhalb des städtischen Raumes, sowohl ideell als auch ganz konkret räumlich. Das ist jetzt arg verkürzt, aber zur Vertiefung ist das Buch selbst ja da.

Die Stadt und das Urbane zeichnen sich uns als virtuelle Objekte, als Entwürfe einer synthetischen Wiederherstellung ab“ (S. 142).

„Das Recht auf Stadt“ war keineswegs der Endpunkt der urbanen und utopischen Gedanken des 1990 verstorbenen Lefevbre, sondern vielmehr der Ausgangspunkt einer intensiven Beschäftigung mit der Stadt. Davon zeugt auch das Nachwort des Autors, das dessen späterem Werk „Espace et politique“ entnommen ist. Der französische Soziologe nähert sich dem Phänomen Stadt nicht nur historisch, sondern auch über diverse wissenschaftliche Disziplinen, die sich mit der Stadt beschäftigen. Dabei wird schnell klar, dass Lefevbre auf einer Synthese dieser ganzen Ansätze hinwirkt, um die Stadt in ihrer Gesamtheit, also als räumliches Gebilde, als soziales Gefüge, als Idee und Utopie und so weiter zu erfassen.

„Das Recht auf Stadt bedeutet also die Herstellung oder Wiederherstellung einer zeitlich-räumlichen Einheit, einer Sammlung statt Fragmentierung. „ (S. 216, aus „„Espace et politique“)

So klar der Aufbau dieses wissenschaftlichen Essays dabei ist, so wenig bemüht sich Lefevbre seine Ansichten zu untermauern, vieles, das später genauer untersucht und dargelegt wurde, bleibt thesenhaft und einiges ist durchaus streitbar. Die argumentativen Sprünge und Inspirationen sind auch aufgrund der komplexen Sprache nicht immer leicht nachzuvollziehen und einige philosophische Basics helfen durchaus zum Verständnis. Trotzdem wird klar, worauf der Autor hinauswill: Teilhabe derer, die in der Stadt leben, an ihrer Ausgestaltung und Entwicklung. Dazu sind zwei Begriffsdimensionen wichtig, die städtische Qualität beschreiben: Der Gebrauchswert und der Tauschwert. Letzterer ist von Lefevbre vor allem mit der Stadt als Handelplatz verknüpft und somit mit dem Kapitalismus, der in der räumlichen Akkumulation vor allem wirtschaftliches Potential sieht und die Stadtentwicklung auch dahingehend beeinflusst. Dem gegenüber markiert der Gebrauchswert einer Stadt gewissermaßen die Qualität des Ortes für die Bewohner. Was prägt deren städtischen Alltag, welche Möglichkeiten und Interaktionen bieten sich?

„Die Zentralität des Spielerischen hat Folgen: Denn Sinn für das Werk wiederherzustellen…die Aneignung über die Beherrschung stellen“ (S. 186)

Henri_Lefebvre_1971Genau an diesem Punkt, dem Gebrauchswert der Stadt setzen auch die aktuellen „Recht auf Stadt“-Bewegungen an. Fordern ein, dass sich die Ausgestaltung des städtischen Raumes und der urbanen Idee eben nicht nur an wirtschaftlichen Gesichtspunkten orientiert, sondern auch die Dimension und Qualität des Wohnens, des Lebens berücksichtigt. Es geht um Teilhabe an Zentralität. Weltweit versuchen Städte die Lebensqualität für ihre Bewohner wieder zu erhöhen und den öffentlichen Raum wieder zurückzugewinnen. Die Proteste in Istanbuls Gezi-Pari und in Hamburgs St.Pauli sowie die Okkupy-Bewegungen sind ebenso Ausdruck dieses Einforderns des öffentlichen Raumes im Sinne Lefevbres wie auch die städtischen Planungen des dänischen Architekten Jan Gehl, der versucht, in Städten wieder das menschliche Maß, die menschliche Dimension zu finden, um die Orte wieder mit Leben zu füllen.

Bei Lefevbre ist die Ausgangslage freilich eine andere, einige seiner Punkte scheinen aus heutiger Sicht überholt, weil die Gesellschaften und Städte sich seit 1968 rasant entwickelt haben, aber das Prinzip ist nach wie vor gültig. Auch die seinerzeit relevant erscheinende politische Verortung Lefevbres als linker, marxistischer Intellektueller erscheint heutzutage, da die gesellschaftlichen Verwerfungen an anderen Konfliktlinien verlaufen nicht mehr so relevant. Die Stadt als Siedlungsform ist heute schon Lebensraum für mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung.

So wird auch klar, dass  die Lektüre von „Das Recht auf Stadt“ sowohl bereichernd und inspirierend ist, als auch fordernd, lohnend ist die „offensive Schrift“, wie Lefevbre seine Arbeit nennt, für alle, die sich mit dem Thema Stadt auseinandersetzen, egal in welcher Teildisziplin oder aus welcher Motivation heraus, allemal.

Book Rating: ★★★★★★★★★☆ 

nautilus_pbDas Recht auf Stadt (Flugschrift)
OT: Le droit à la ville, 1968,
Genre: Sachbuch, Stadtforschung, Philosophie
Autor: Henri Lefebvre
Übersetzung: Birgit Althaler
Vorwort: Christoph Schäfer
ISBN-13: 978-3960540069
Verlag: Edition Nautilus; Broschiert: 224 Seiten, Auflage: 1., Deutsche Erstausgabe
VÖ: 03. 03 2016

 

zum Weiterlesen:

Recht auf Stadt bei Edition Nautilus

Henri Lefevbre bei Wikipedia

Recht auf Stadt

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